Bild 10 / Buch Seite 109
Sobald die reifen Fruchtstände des Federgrases Stipa
krylovii mit Regen in Berührung kommen, verdrehen sie
sich zu abstrakten Gebilden.

GrasArt – Der Neue Bildband von Ingo Arndt

Ein ganzer Bildband über etwas auf den ersten Blick banal erscheinendes wie Gras?

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Bild 2 / Buch Seite 110-111 Nirgendwo auf der Erde ist mehr natürliches Grasland erhalten geblieben als in der Mongolei. Im Osten des dünn besiedelten Landes befinden sich noch große, vom Menschen unberührte Graslandschaften.

Wie es dazu kommt erklärt Ingo Arndt in diesem Interview.

Seit mehr als 25 Jahren reisen Sie um die Welt auf der Suche nach neuen Fotoreportagen aus der Natur und Tierwelt. Mehr als zwei Jahre waren Sie allein mit Ihrem neuen Projekt GrasArt beschäftigt und sind dafür rund um den Globus gereist. Hatten Sie irgendwann das Gefühl schon alles gesehen zu haben? Was motiviert Sie?

Nein, langweilig wird es nie. Natürlich komme ich auch immer wieder an Plätze zurück, wo ich schon einmal fotografiert habe. Das ist normal, denn selbst auf unserer Erde gibt es nur wenige „Hotspots“, also perfekte Plätze für die Naturfotografie. Doch egal, wo man ist: wenn man nur richtig hinsieht, gibt es jeden Tag neue Dinge zu entdecken. Da ich nicht festgelegt bin, sondern von der Ameise bis zum Elefanten alles fotografiere, auch Landschaften, Pflanzen, Details etc., fällt es mir nicht besonders schwer Motive zu finden. Ist der Elefant nicht zu finden, schaut man eben etwas genauer hin und findet vielleicht plötzlich eine Ameise die an einem Wassertropfen trinkt und ein wunderbares Motiv abgibt. Und selbst nach fast 30 Jahren Naturfotografie rund um den Globus gibt es immer noch Plätze, die ich noch nicht besucht habe. Meine Motivation bekomme ich dadurch, draußen sein zu dürfen. Am liebsten bin ich unter extremen Bedingungen unterwegs, spüre die Elemente und entdecke Neues mit meiner Kamera. Obwohl ich auch früher bereits in einigen Grasländern unterwegs war, hatte ich beim GrasArt Projekt nie das Gefühl irgendetwas schon einmal genau so gesehen zu haben. Die Natur ist so abwechslungsreich, dass man ein Leben lang zum selben Ort reisen könnte und trotzdem immer wieder Neues entdeckt. Der Lebensraum Gras ist unglaublich vielfältig, ich war jeden Tag von neuem überwältigt von den Eindrücken die ich bekam. Egal ob es die unterschiedlichen Grasarten waren die dort wachsen, oder die große Diversität an Tieren die dort lebt.

GrasArt folgt auf Ihr Projekt ArchitekTier, für das Sie die einfallsreichsten tierischen Baumeister der Natur und ihre Meisterwerke fotografiert haben – wie kommt man auf solche Ideen?

Indem man ständig darüber nachdenkt, welches spannende Phänomen man als Nächstes unter die Lupe nehmen könnte und wie sich daraus ein Projekt entwickeln lässt. Besonders bei langen Zug- und Autofahrten, oder im Flugzeug, wenn ich nicht abgelenkt bin, kommen mir solche Ideen. Habe ich ein interessantes Thema gefunden, diskutiere ich es mit meiner Frau Silke (die als Grafikerin maßgeblich an der Umsetzung der Projekte beteiligt ist). Das ist die letzte und schwierigste Hürde. Kann ich Sie überzeugen, funktioniert das Thema später auch.

Ihr Bildband GrasArt beschäftigt sich mit einem recht simplen Gewächs, das wir oft übersehen, und einem Lebensraum, der häufig unterschätzt wird, dem Grasland. In Ihrem Buch zeigen Sie die Bedeutung dieses Ökosystems auf, aber vor allem seine unglaubliche Schönheit und die Vielfalt seiner Bewohner. War Ihnen vorher klar, was Sie erwartet? Wie haben Sie dieses Projekt geplant?

Es war mir tatsächlich nur ansatzweise bewusst, was mich erwartet. Die Erfahrung hat mich zwar gelehrt, dass man – umso tiefer man in ein Thema einsteigt – immer Neues entdeckt, aber GrasArt war schon überraschend vielfältig. Neben den optischen Leckerbissen, die sich beim genauen Hinsehen, z.B. bei den unterschiedlichen Gräsern oder auch bei den tierischen Bewohnern der Gras-Lebensräume zeigen, haben mich auch immer wieder die besonderen Verhaltensweisen und Anpassungen an diesen spezifischen Lebensraum fasziniert. Ein Beispiel: um sich vor dem Abgefressenwerden durch die großen Huftiere zu schützen, bilden einige Gräser Kristalle in ihren Zellen aus, die das Zermahlen zwischen den Zähnen erschweren. Das wirkt wie Schmirgelpapier und raspelt die Zähne der Pflanzenfresser ab. Diese haben im Laufe der Evolution aber wiederum mit der Erfindung nachwachsender Zähne reagiert… Das ist doch ein wunderbares Beispiel wie sich Natur entwickelt und was es zu entdecken gibt.

Welcher Ort, den Sie während Ihrer Arbeit an GrasArt besucht haben, hat Sie am meisten beeindruckt?

Eigentlich hat mich jedes einzelne Grasland fasziniert das ich besucht habe. Am beeindruckendsten war wahrscheinlich die Mongolei, wo es diese scheinbar endlose Weite noch gibt, die man sich vorstellt, wenn man an Grasland denkt. Es war meine erste Reise in dieses Land. Dort konnte ich sehr beeindruckende Landschaften fotografieren. Dafür war es aber besonders schwierig Tiere vor die Kamera zu bekommen, weil es praktisch keine Versteckmöglichkeiten in der offenen Steppe gab.

Wurde es in der Wildnis auch mal gefährlich?

Natürlich entstehen immer wieder Situationen bei denen Vorsicht geboten ist. In der Mongolei ist man teilweise Tage von der Zivilisation entfernt. Dort darf man sich nicht verirren und muss immer genug Trinkwasser dabei haben. Außerdem gibt es auch oft extreme Wettersituationen. Einmal ist uns bei einem Sturm fast das gesamte Camp weggeflogen. In der offenen Steppe waren wir dem Wind schutzlos ausgeliefert und mussten stundenlang die Zelte festhalten. Als ich im „Fluss aus Gras“, den Everglades, Alligatoren fotografierte, gewöhnte ich die Tiere Tag für Tag an meine Anwesenheit und war auf einmal sehr, sehr nah dran. Dann hat meine Frau plötzlich Albträume bekommen und von Alligatoren geträumt, die mich auffressen. Das habe ich sehr ernst genommen und vorsichtshalber aufgehört die Alligatoren zu fotografieren. Glücklicherweise hatte ich da schon mein Wunschbild fotografiert.

Die Detailaufnahmen der Gräser gleichen in ihrer Ästhetik Studioporträts. Wie haben Sie die Bilder aufgenommen?

Die Grasdetails sind in einem „Lichtzelt“ fotografiert. Das ist eine Box aus weißem, lichtdurchlässigem Stoff. Selbst im harten Mittagslicht bekommt man damit weiches Licht ohne Schatten. Ein großes Problem war es allerdings mit dem Lichtzelt im offenen Grasland zu arbeiten, wo es fast immer windig ist. Ich musste möglichst windstille Tage abpassen, damit mein Freilandstudio nicht zu sehr wackelte oder gar wegflog.

Tierfotografen müssen nicht selten viel Geduld mitbringen. Kommen Sie da auch schon mal an Ihre Grenzen?

Klar, irgendwann macht es keinen Sinn mehr auf ein bestimmtes Tier oder eine bestimmte Situation zu warten. Doch bis das mal passiert, können Tage oder Wochen vergehen. Beim eben erwähnten Alligator hat es fast zwei Wochen gedauert bis ich nahe genug an das Tier herankam und das perfekte Bild im Kasten war.

Wie beeinflusst ihre Arbeit ihre Sicht auf unsere Erde?

Es macht mich immer wieder traurig, wenn ich nach vielen Jahren an Plätze zurückkehre, wo ich schon einmal fotografiert habe. Es hat sich nirgendwo etwas zum Positiven verändert. Entweder wurde die Wildnis zerstört oder man ist mit großen Menschenmassen konfrontiert, die plötzlich dort unterwegs sind, wo man vor einigen Jahren noch alleine war. Auch bei GrasArt wurde mir schnell bewusst, wieviel bereits zerstört ist und wie wenig wildes Grasland es überhaupt noch gibt. Von den Great Plains, den Präriegebieten in Nordamerika, sind beispielsweise gerade mal 4% übrig. Und selbst in diesem kleinen Bereich waren weite Teile eingezäunt. Anstatt wilder Bisons standen dort Rinder herum. Die Pflanze Gras und der Lebensraum Grasland wird in seiner Funktion völlig unterschätzt. Es ist eines der wichtigsten Ökosysteme unserer Erde. Ich hoffe, dass die wenigen noch intakten Graslandgebiete erhalten bleiben. Deshalb ist mir das GrasArt Projekt so wichtig. Mit dem Buch möchte ich auch Aufklärungsarbeit leisten und die Menschen dazu bringen, Gras mit anderen Augen zu sehen. Vielleicht kann ich dadurch einen kleinen Beitrag zum Schutz der Grasländer leisten.

(Wie) Hat sich Ihre Arbeit als Tier- und Naturfotograf in den letzten Jahren verändert?

Die größte Veränderung hat durch Einführung der Digitalfotografie stattgefunden. Selbst bei extrem hohen ISO-Werten ist die Bildqualität von Kleinbildkameras heute um ein Vielfaches besser als mit Diafilm. Das macht Bilder möglich, die früher undenkbar waren. Auch mir hat das bei GrasArt sehr geholfen. Ich konnte in extremeren Lichtsituationen fotografieren, schnellere Verschlusszeiten erzielen… Auf keinen Fall würde ich wieder mit Film fotografieren wollen. Allerdings hat man mit der Digitalfotografie wesentlich mehr Arbeit. Wenn es früher zu dunkel war oder regnete, hat man eine Pause machen können. Heute hockt man vorm Notebook und wertet schon mal Bilder aus und schaut sich an was verbessert werden kann. Wenn man sich nicht gerade dazu zwingt, gibt es keine Pausen mehr. Dann ist da noch die Klimaveränderung. Neben all den anderen negativen Einflüssen, die sie mit sich bringt, beeinflusst sie auch meine Reiseplanung. Konnte man früher z.B. Regenzeiten gut vorhersagen, steht heute oft alles Kopf. Wenn es regnen soll, ist es zu trocken, sollte es trocken sein, regnet es sintflutartig. Das Wetter wird immer unberechenbarer und sogar die Jahres- bzw. Regenzeiten verschieben sich. Durch solche Erlebnisse wird einem bewusst, dass sich auf unserem Planeten gerade sehr viel verändert. Leider nicht viel zum Positiven. Ich glaube, dass ich möglicherweise zur letzten Naturfotografen-Generation gehöre, die noch einigermaßen intakte Natur vorfindet. Das zu dokumentieren ist ein Privileg, aber auch eine Verpflichtung für mich.

Langen im August 2016

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Bild 1 / Buch Seite 46-47 Auch wenn die patagonische Steppe auf den ersten Blick lebensfeindlich erscheint, wird sie doch von vielen Tier- und Pflanzenarten besiedelt. Erst bei genauerem Hinsehen gibt sie ihre Geheimnisse preis.

 

Bild 3 / Buch Seite 117 Unzählige Huftiere bewohnen die afrikanische Grassavanne. Topis gehören in der Masai Mara zu den häufigsten Arten.
Bild 3 / Buch Seite 117
Unzählige Huftiere bewohnen die afrikanische
Grassavanne. Topis gehören in der Masai Mara zu den
häufigsten Arten.
Bild 4 / Buch Seite 56-57 Heute sieht man wieder große Bisonherden über die Prärie Nordamerikas wandern. Die riesigen Pflanzenfresser ernähren sich hauptsächlich von verschiedenen Gräsern.
Bild 4 / Buch Seite 56-57
Heute sieht man wieder große Bisonherden über die Prärie
Nordamerikas wandern. Die riesigen Pflanzenfresser
ernähren sich hauptsächlich von verschiedenen Gräsern.
Bild 5 / Buch Seite 109 Unzählige Wasservögel besiedeln den „Fluss aus Gras“, wie die Everglades, das Feuchtgebiet ganz im Süden der USA auch genannt wird. Auf dem Bild ist ein Schwarm Enten zu sehen, fotografiert aus dem Hubschrauber.
Bild 5 / Buch Seite 109
Unzählige Wasservögel besiedeln den „Fluss aus Gras“,
wie die Everglades, das Feuchtgebiet ganz im Süden der
USA auch genannt wird. Auf dem Bild ist ein Schwarm
Enten zu sehen, fotografiert aus dem Hubschrauber.
Bild 7 / Buch Seite 88 Rund 400 Przewalski-Pferde gibt es heute wieder im Hustai Nationalpark. Die Steppentiere leben in Familiengruppen, die von einem Hengst angeführt werden, oder in reinen Hengstgruppen.
Bild 7 / Buch Seite 88
Rund 400 Przewalski-Pferde gibt es heute wieder im Hustai
Nationalpark. Die Steppentiere leben in Familiengruppen,
die von einem Hengst angeführt werden, oder in reinen
Hengstgruppen.
Bild 9 / Buch Seite 78-79 In der mongolischen Steppe ist das elegante Federgras Stippe krylovii regelmäßig zu finden.
Bild 9 / Buch Seite 78-79
In der mongolischen Steppe ist das elegante Federgras
Stippe krylovii regelmäßig zu finden.
Bild 10 / Buch Seite 109 Sobald die reifen Fruchtstände des Federgrases Stipa krylovii mit Regen in Berührung kommen, verdrehen sie sich zu abstrakten Gebilden.
Bild 10 / Buch Seite 109
Sobald die reifen Fruchtstände des Federgrases Stipa
krylovii mit Regen in Berührung kommen, verdrehen sie
sich zu abstrakten Gebilden.
Bild 15 / Buch Seite 253 Im schwimmenden Tarnversteck mit Silke Arndt, Donaudelta, Rumänien
Bild 15 / Buch Seite 253
Im schwimmenden Tarnversteck mit
Silke Arndt, Donaudelta, Rumänien

Das Buch ist mittlerweile natürlich auch im Handel erhältlich und kann HIER direkt bestellt werden.

Weitere Informationen zu diesem Projekt finden Sie hier http://grassland.ingoarndt.com

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Copyright © für sämtliches Bildmaterial: Ingo Arndt

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