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Ein Bild entsteht – Der schwarze Rehbock

Bei der Naturfotografie bekommt man häufig Sätze zu hören wie „na da braucht man bestimmt viel Geduld„. Die Antwort dazu ist die gleiche, wie in den meisten juristischen Fällen beispielsweise auch: Es kommt darauf an! Einige Aufnahmen entstehen zufällig und man macht plötzlich ein Foto, mit dem man zuvor gar nicht gerechnet hat. Andere Bilder erfordern viel Arbeit und man muss sich wirklich ausgiebig darum kümmern, um sein Ziel zu erreichen. In Zukunft möchten wir Ihnen als Leser auch gerne Einblicke hinter die Kulissen unserer Fotos ermöglichen. Dazu werden verschiedene Einträge kommen, in denen wir erklären, wie es zu einem speziellen Foto gekommen ist. Bereits seit einigen Jahren beschäftige ich mich etwas mit der schwarzen Fellfärbung des Rehwilds. Diese Farbvariante hat ihr Hauptvorkommen in Niedersachsen, ist aber auch im nördlichen NRW oder dem westlichen Sachsen-Anhalt zu finden. Vor einigen Jahren entdeckte ich im Internet ein Foto von einem schwarzen Rehbock, der mir gleich ins Auge fiel. Nach etwas Recherche fand ich heraus, dass er unmittelbar in der Nähe meines damaligen Wohnorts aufgenommen wurde. Durch einen Tipp von dem Autor des Bildes, machte ich mich daraufhin auf die Suche nach dieser schwarzen Schönheit. Er ließ auch nicht lange auf sich warten und ich konnte ihn bereits beim ersten Anlauf entdecken. Er rannte aus einem kleinen Wäldchen, zog eine winzige Runde und verschwand direkt wieder in seinem Tageseinstand.

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Die erste Sichtung des schwarzen Bocks war nur von kurzer Dauer.

Nachdem ich diesen kapitalen Bock einmal live erlebt hatte, wollte ich auch gerne ein schönes Foto von ihm haben. Damals wusste ich aber noch nicht, dass es sich als so schwierig herausstellen würde. Der Einstand des Rehbocks war in einem winzigen Wäldchen am Stadtrand meiner damaligen Heimatstadt. Um zu seinem Revier zu gelangen musste ich knapp 5km mit dem Fahrrad, bei leichter Steigung, zurücklegen. Mit dem schweren Fotorucksack entpuppte sich die Anfahrt morgens um fünf schnell als Kampf mit dem inneren Schweinehund. Warme Bettdecke und Schlaf gegen nasskalte Misserfolge im Rehwildrevier. Ein Glück verlor die Bettdecke auch manchmal. Die Stelle diente vielen Menschen zur Erholung und Freizeitnutzung, weshalb man nie wirklich alleine dort war. Leider merkte das auch der Bock, weshalb er sich sehr heimlich verhielt. Man könnte ja meinen um halb sechs in der früh hätte man seine Ruhe, aber die Leute joggen bereits vor der Arbeit (was eigentlich durchaus als positiv herauszustellen ist). Mehrere weitere Beobachtungen machten jedoch deutlich, wie schwierig es sein wird ihn zu erwischen. Er war lediglich sehr früh morgens und sehr spät abends zu sehen und entfernte sich nie weit von der Waldkante. Ein Ansitz hätte dort keinen Erfolg gebracht, weil vorher nie klar war an welcher Seite er rauskommen wird. Zudem war es wirklich nur ein kleines, jedoch sehr dichtes, Gehölz mit wenig Überblick. Irgendwann tauchte er immer plötzlich und unerwartet am Rand seines Wäldchen auf. Das schwarze Fell stach regelrecht in der hellen Wiese heraus und mein Puls ging in die Höhe. Wenn alle fünf Minuten ein Mensch den Weg neben seiner Wiese entlangkommt, darf man keine Zeit verlieren. Also setzte meistens alles auf eine Karte und versuchte mich an der aktiven Variante. Mit Tarnklamotten und dem richtigen Wind direkt drauf zu pirschen. Trotzdem tauchten ständig Jogger, Spaziergänger, Leute mit Hund oder Reiter auf, wodurch er in Windeseile wieder im Wäldchen war. Was kam also dabei raus? Die folgenden Bilder zeigen es ziemlich gut: NICHTS! Es war ernüchternd.

Bereits das Kameraklicken reichte aus, um ihn in die Flucht zu schlagen.
Bereits das Kameraklicken reichte aus, um ihn in die Flucht zu schlagen.
Abends trat er wenige Meter aus dem Wäldchen heraus und nach dem ersten Passanten war er genauso schnell wieder verschwunden, wie er aufgetaucht war.
Abends trat er wenige Meter aus dem Wäldchen heraus und nach dem ersten Passanten war er genauso schnell wieder verschwunden, wie er aufgetaucht war.
Erste Annäherungen, aber die Störung folgte zugleich. Reiter, Hunde...
Erste Annäherungen, aber die Störung folgte zugleich. Reiter, Hunde…

Die Verlockung im warmen Bett zu bleiben war jedes Mal aufs Neue groß. Der Aufwand war nicht mit der winzigen Wahrscheinlichkeit gleichzusetzen ihn einmal gut zu erwischen. Die Beobachtungen dauerten meistens nur wenige Minuten und danach war es für den Tag gelaufen. Dennoch zog ich immer wieder los, holte mir nasse Füße, eine nasse Hose und zudem noch Schlafmangel. Gegen Abend waren die Chancen eigentlich immer etwas schlechter, weil zu dieser Zeit noch mehr Leute unterwegs waren. Nachdem ich einmal bei meinem damaligen Uhuprojekt abgebrochen hatte, machte ich mich abends noch auf den Weg zu meinem Bock. Es war Brunftzeit bei den Rehen, die sogenannte Blattzeit. In diesen Wochen herrschen im Rehwildrevier etwas andere Umstände. Die Böcke sind unvorsichtiger als gewohnt und tauchen gelegentlich auch an anderen Stellen auf. So staunte ich nicht schlecht, als ich auf einmal von weitem etwas in einem Kornfeld in der Nähe entdeckte.

Schwarzer Bock im hellen Kornfeld. Vor dem finsteren Wald war er besser getarnt.
Schwarzer Bock im hellen Kornfeld. Vor dem finsteren Wald war er besser getarnt. © Jan Piecha

Das war meine Chance! Allerdings nahm er kurze Zeit später den Kopf herunter und war verschwunden. Kaum zu glauben, aber ich habe ihn anschließend über eine Viertelstunde lang aus den Augen verloren. Mittlerweile stand ich bereits in den Büschen am Rand vom Kornfeld, um mich unbemerkt in einer Treckerspur zu nähern. Ich kam relativ dicht an ihn heran, bis er wegen einer Ricke in eine Hecke zog und verschwand. Ich stand nun allerdings zwischen ihm und seinem Lieblingswald und der Wind kam nicht schlecht. Also entschied ich mich zu warten. Nach kurzer Zeit zog er erneut in das Feld und schnürte schräg an mir vorbei. Ich beobachtete ihn durch den Sucher und mein Puls war auf 180. Als er dann auf Fotoentfernung war, machte ich die ersten Bilder. Er hörte die Kamera natürlich sofort und warf mir einen Blick zu. „klick“! YES! Endlich hatte ich ihn, endlich war er im Kasten. Nach wenigen Fotos war die Magie des Augenblicks schon wieder vorbei und der Bock verschwunden. Mein Herz raste hingegen immer noch.

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Der schwarze Bock – das lang ersehnte Foto. ( EOS 7D | Canon 100-400mm | 1/800 | f6,3 | ISO 500 ) © Jan Piecha

So kam ich nach etlichen Anläufen und etwas Hartnäckigkeit zu meinem Foto von diesem starken schwarzen Rehbock. Im folgenden Jahr habe ich ihm auch noch einige Besuche abgestattet. Es war allerdings das selbe Schema, wie so oft. Er verschwand so schnell, wie er gekommen ist. Ein wirklich kniffliger Rehbock und ein wunderschönes Tier!

Jan Piecha

Jan Piecha

Jan Piecha

Mein Name ist Jan Piecha (*1990) und ich bin Naturfotograf. Das kommt vermutlich daher, weil ich in einem kleinen Dorf aufgewachsen bin, wo man auch mit extrem viel Mühe der Natur nicht aus dem Weg gehen könnte.
Vor vielen Jahren bekam ich von meinen Eltern eine erste Digitalkamera zum Geburtstag, die ich vorzugsweise in der Natur ausprobiert habe. Aus den Versuchen wurde ein Hobby und aus dem Hobby eine Leidenschaft. Besonders gerne fotografiere ich Vögel und Säugetiere, da die Herangehensweise an diese Arten immer wieder aufs Neue spannend ist und auch mal Action geboten wird. Dabei arbeite ich gerne an Geschichten zu Arten oder Gebieten und nicht nur am einzelnen Bild.
Obwohl mir die Motive vor der Haustür am liebsten sind, genieße ich es auch komplett neue Gegenden in fernen Ländern zu erschließen. Annähernd jede Art fehlt noch im Archiv und man kann sich ganz von neuem austoben. An den Bildern und Erinnerungen solcher Touren kann ich mich noch Jahre später erfreuen.
Jan Piecha

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5 Gedanken zu „Ein Bild entsteht – Der schwarze Rehbock“

  1. Tolle Geschichte, man fiebert richtig mit ob Du ihn noch erwischt… und letztendlich hat sich doch all die Mühe gelohnt, ich hab noch nie zuvor einen schwarzen Rehbock gesehen, ein wirklich großartiges Foto!

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