Paul Leclaire – Ein Gastspiel (2)

Was viele wundern wird: ich arbeite nicht mit RAW. Seitdem ich digital unterwegs bin, habe ich zweimal bei Werbejobs auch zusätzlich mit RAW gearbeitet… man musste es ja mal testen… die Agentur wollte dann aber die 4x6m großen Plakate von den JPEGs drucken, der Workflow sei einfacher…und mir ist das recht. Zur Information, das war dann aber auch bei 100 ISO. Mit der RAW… oder was auch immer Diskussion… halte ich mich nicht auf, weil das Bild, wenn es gemacht ist, fertig sein soll… und das ist es bei mir.

Spreche ich von Bildern, dann spreche ich immer von fertigen Bildern und nicht von digitalen Vorlagen zur Weiterverarbeitung am Computer. Für RAW habe ich im Probeablauf bei den Endproben keine Zeit. Inhaltlich besser wird ein Bild, das mit RAW fotografiert ist, mit späterer Behandlung und Finetuning am Computer auch nicht. Ein Bild ist ein Bild und steht für sich, ob digital oder analog.

Das Bild und der Bildausschnitt entstehen bei der Aufnahme und nicht am Monitor.

Ich habe auch in analogen Zeiten nie Bildausschnitte unter dem Vergrößerer im Vergrößerungsrahmen gemacht, der fotografierte Bildausschnitt ist das Bild.Das Bild sehe ich und mache ich.

Ich arbeite immer mit der Mehrfeldmessung, da bin ich zu Hause. Auch das wird viele wundern. Mit dieser Messmethode schätze ich die vorhandenen Lichtverhältnisse für die Belichtung richtig ein, immer auf das ganze Bild bezogen, habe gelernt mein Displaybild richtig zu lesen oder zu deuten, wie zu analoger Zeit ein Polaroid-Bild bei der Belichtungsbestimmung im Studio mit der Großformat Sinar. Aber das ist ein anderes Thema. Da gab die kurze Abbrennzeit des Blitzes die Belichtungszeit an, und man legte sie in die Belichtungszeit der 1/60tel Sekunde, alles stand da kameratechnisch auf M wie manuell.

Die Lichtmenge, die bei der Aufnahme auf den Film oder den Chip trifft, wurde und wird meistens durch die Blende geregelt.  Als Belichtungszeit-Einstellung wähle ich bei meiner EOS die Tv Messung, ab und zu mal Av, aber TV ist die Norm. M wird nicht genutzt. Die Kamera misst automatisch besser und schneller als ich, und was bei mir noch dazu kommt… ich bin das so gewöhnt, und warum soll ich dann was ändern, wenn es sich bewährt hat.

Den Satz vieler Fotografen „Wer nicht mit M belichtet ist kein Fotograf“ – den Satz werde ich nicht verstehen und akzeptiere ihn auch nicht.

Die technischen Basisvoraussetzungen der Belichtung machen es mir möglich, ganz unbekümmert durch den Sucher zu sehen, um meine Bilder zu machen. Immer wissend der Autofokuspunkt setzt die Schärfe und in diesem Punkt wird auch die Belichtung gemessen, gemäß der Mehrfeldmessung. Den Autofokus dann rechts oder links hinzustellen, immer auf den Kopf des Protagonisten, der szenisch wichtig ist. Ganz selten steht der Autofokus auf Mittelstellung, mittig ist szenisch meistens langweilig, und dann fängt die Oper an. Auch wenn das Okular, durch das ich schaue, Sucher heißt, sage ich, ich suche die Bilder nicht, ich finde sie, sie kommen zu mir, wenn ich durch den „Finder“ sehe, wie es im Englischen heißt. Finden setzt ein wenig konzeptionelles Vordenken voraus, wenn ich nur suche, dann kann es sein, das ich nichts finde.

Was ich beim Fotografieren finde, sind dann die Freiräume des Bühnenraums. Wo zeige ich Bühne und kann trotzdem das Wichtige der Szene mit den Spielern zeigen, Aktion und Reaktion, Aktion und Raum, alles in einem Bild. Und wie hängt das alles grafisch zusammen, mit gedachten Linien, Kreisen und Dreiecken, einfache grafische Formen, die für einen Bildaufbau unerlässlich sind, wenn ich mit meinen Fotos die Regie des Stückes zeige. Wen oder was setze ich wo in eine Linie, damit man weiß wie wichtig er oder es für diese Szene ist oder werden kann. Oder ist es „die graue Eminenz“ im Hintergrund, in Unschärfe, aber trotzdem erkennbar, die Person, die die Fäden zieht in diesem Ränkespiel auf der Bühne.

Sind die Personen, die im Hintergrund stehen, nicht oft wichtiger als die Personen im Vordergrund?

Unterstützen die Blicke der Personen im Hintergrund nicht die Personen, die sowieso Gewicht habe und im Vordergrund stehen. Diese Situationen auf der Bühne muss ich erfassen, filmisch denken und dann in einem Bild festhalten. Was passiert wann und wo. Trotz aller Vorbereitungen hat man nicht wirklich Zeit sich zu überlegen, wie mache ich was, das Fotografieren muss einfach laufen.
Auf der Bühne läuft die Handlung ja auch weiter, also muss ich durch die Kamera sehen und den Auslöser im richtigen Moment drücken.

Da ist dann schon wieder Wissen um die Technik gefragt, was für eine Auslöseverzögerung hat die Kamera, das ist beim Tanz und schnellen Bewegungsabläufen sehr wichtig. Zum Beispiel ist ein Tänzer beim Sprung schon wieder gelandet, wenn ich im falschen Moment zu spät auslöse. Ich muss um diese Verzögerung wissen , wenn ich Bewegungsabläufe fotografiere.

Aber wie schon gesagt, der Fotograf an sich ist ein Gewohnheitsmensch… und wenn man es kann, ist es kein Problem. Dann habe ich den entscheidenden Blick der Spieler eingefangen, ob im Kampf oder in einer Auseinandersetzung. Es muss auf dem Bild etwas passieren, der entscheidende Moment ist es immer, der ein Bild zum guten Bild macht. Ist das in der Sportfotografie anders?
Ist das in der Fotografie überhaupt anders?

Ich muss mich an die Situation, die ich im „Finder“ sehe herantasten, am besten in einen Sänger oder Schauspieler hineinversetzen, dann Autofokus auf die Augen und Schuss, das ist es.
Richtig hinsehen. Voraussehen und dann abdrücken. Nicht hektisch werden, wenn etwas nicht geklappt hat, abwarten, das Spiel geht weiter. Jede Szene, wenn sie gut inszeniert ist, führt zum Höhepunkt der Auseinandersetzung.

Zwischendurch nähern sich die Laufwege der Personen und ihre Wege kreuzen sich, das sind die Momente, wo der Verschluss „klicken“ muss. Beim Geplänkel, vorher sind die Spieler oft auch weit auseinander, das wird dann auch kein gutes Bild. Wenn sie sich nähern, wenn sie sich berühren, dann wird ein Bild daraus, dann wird es menschlich und authentisch.

Ich muss das Dreidimensionale mit meinen Augen filtern und auf eine Bildfläche bringe, mit Schärfe und Unschärfe, mit Schärfe und Bewegungsunschärfe, Räumlichkeit mit fotografischen Mitteln erzeugen, Bildinhalte in den gewollten Bildausschnitt bekommen, im Zusammenspiel der Kameratechnik von ISO, Blende, Belichtungszeit, Verschlusszeit und Autofokus.

Alles Dinge, über die ich bei der Aufnahme nicht nachdenken darf, ich muss es nur machen.

Vor allem ist wichtig, ein Bild muss in erster Linie erst mal mir gefallen, und ich sollte mein größter Kritiker sein.

Und immer wieder stellt sich die Frage…
Welches Bild wähle ich dann aus????

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Wir danken Paul Leclaire für diese Einsicht in seine Arbeit!

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