Nah ran

„Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern“. Dieses unvollständige und damit auch missverständliche Zitat des ersten Kanzlers der Bundersrepublik mach ich mir mal zu eigen.Nun, ob es sich überhaupt um ein wahres Zitat handelt, ist wohl nicht wirklich eindeutig gesichert. Klar ist aber, dass es einen nicht unbedeutenden Folgesatz gibt. „Es kann mich doch niemand daran hindern, jeden Tag klüger zu werden“. Damit bekommt das Zitat eine gänzlich andere Richtung. Mir gefällt sowohl das vollständige Zitat, als auch jeder der beiden Sätze für sich.  Es mag in die Zeit passen, dass man vor allem den ersten Satz immer wieder mal hört, der direkt -mit Verlaub- etwa rotziges hat und dabei helfen soll, mit der eigenen Unverbindlichkeit und Inkonsequenz zu kokettieren. Irgendwas mit „…jeden Tag klüger werden“ ist dagegen eher wenig sexy und könnte womöglich noch beim populistischen herumätzen hinderlich sein.

Gut, der Schwanz ist angeschnitten. Was soll denn aber erst die Libelle sagen?

Wie dem auch sei, für uns als Fotografen ist dazulernen sicher nie verkehrt. Egal ob es dabei um Technik, Bildgestaltung oder Naturkunde geht. Alles was wir anwenden können, bringt uns voran, erweitert unsere Möglichkeiten, erhöht den Spaßfaktor und minimiert Fehlverhalten und somit Schaden für andere. Im letzten Beitrag an dieser Stelle habe ich daher etwas angesprochen, dass ich neu für mich entdeckt habe. Also nicht neu entdeckt, nur neu für mich. Im Moment berühren mich Bilder, die das Hauptmotiv etwas zurückgenommener zeigen einfach mehr, als formatfüllende Porträts. Aber natürlich können diese Bilder, seien sie auch noch so gut fotografiert, nicht die alleinige Zukunft der Naturfotografie sein.

Mit Genehmigung und Hilfe von Leuten, die etwas davon verstehen, sind auch Bilder am Nest gute Hilfsmittel, um Menschen etwas über die Lebensumstände und die grundlegenden Ansprüche der Tiere zu erzählen. Der Wunsch nach besonderen Bildern darf aber keine Rechtfertigung für Grenzüberschreitungen sein.

 

Klar, die hätten gerne auch schon früher rauskommen können, als das Licht noch toll und die Wiese voller Glitzern war. Aber süß sind die auch jetzt noch.

Gegenwärtig konzentriert sich die Naturfotografie eher auf den ästhetischen Aspekt der Natur. Das ist auch nicht unverständlich, lässt dies doch viel Raum für Kreativität. Und sicher ist es ein probates Mittel, bestimmte Personengruppen zu erreichen. Wir können ja auch feststellen, dass noch niemals zuvor soviele Menschen in der Natur fotografiert haben wie heute. Irgendwas scheint sie ja zu haben, unsere Umwelt. Aber leider ist gleichzeitig der Kenntnisstand um biologische und ökologische Zusammenhänge so niedrig wie noch nie zuvor in unserer Gesellschaft. Gilt auch für die bloße Artenkenntniss. Das muss aber nicht so sehr verwundern. Schon die ersten Naturschutzgebiete in Deutschland wurden mehr unter kulturell-mystisch-geschichtlichen Aspekten ausgerufen, wie etwa der Drachenfels bei Bonn. Da war der Drache schon längst tot. Landschaftsästhetik war und ist ein weiterer Aspekt. Funktionaler Naturschutz hingegen ist eine recht neue Angelegenheit und immer noch nicht wirlich ernstgenommen. Stattdessen findet eine immer weitere Entfremdung vor allem vom Tier statt. Wer hat denn heute noch etwa ein Aquarium und versucht einmal, annuelle Killifische, im Deutschen Prachtgrundkärpflinge, erfolgreich über Generationen zu vermehren? Das verschafft spannende Erlebnisse und tiefe Einblicke in das Leben von Tieren, macht aber eben auch Arbeit und erfordert Verantwortung. Das schränkt ein und kostet. Sowas ist heute wenig erwünscht.

Einmal in all den Jahren konnte ich erleben wie sich der Seeadler beim Beutegriff vertan hat und im Wasser landete. Eine besondere Situation mit einem tollen Tier. Reicht aber vielen nicht, da das Wasser weiß, das Licht nicht golden und der Blick frei ist.

 

Nah ran heißt auch, etwas sichtbar zu machen, das sonst verborgen bleibt. Die feinen langen Haare im Gesicht zum Beispiel.

Nicht von ungefähr drehen sich die meisten Argumente beispielsweise von Wolfsgegnern genau um diese beiden Punkte: 1. Kosten. Und 2. ich kann dann nicht mehr so wie ich will. Ja gut, und 3. noch Angst. Steht aber in direkter Wechselwirkung mit Punkt 2. Nur, das endet ja nicht beim Wolf. Auch das Wildschwein wünschen manche ausgerottet, und Eidechsen müssen umgesiedelt werden, wenn sie einem Bauvorhaben -kurzfristig- im Wege stehen. Dann werden wieder von einigen, die den zweiten Teil des obigen Zitats mit dem täglich klüger werden nicht gelesen haben, die immensen Kosten wegen der paar Echsen zu Felde geführt. Der NABU oder andere sind dann Spinner, die der Gesellschaft Schaden wollen. Das zuvor bei der Planung gleich zu Anfang grobe Fehler gemacht wurden, weil die verantwortlichen Leute sich einen Dreck um wild lebende Tiere scheren und diese erst gar nicht in ihre Gedankengänge einplanen, wird nicht erwähnt. Und habe ich zuvor noch davon gesprochen, dass wir uns von den Tieren entfernen, so muss ich nun konkretisieren. Das gilt nämlich insbesondere für wilde Tiere. Denn die stören nur die schöne friedliche Atmosphäre im Wald, trillern, wühlen, jagen und man muss sich fürchten. Nicht selten hört man von Menschen, die für sich beanspruchen, Naturfreund zu sein, das etwa der Luchs nicht in unsere schöne freie Natur gehört. Weil es die eigene Freiheit einschränken könnte?

Der Trappenschutz kostet Geld. Der Einsatz für diese eine Art hilft aber auch vielen anderen, weil über sie ein ganzer Lebensraum erhalten bleibt.

 

Nicht immer sind Begegenungen draußen romantisch oder ästhetisch motiviert.

Für uns Naturfotografen muss es daher heißen, Pflanzen und Tiere selbstverständlich auch ab und an aus dem ästhetisierten und landschaftsdominierten Bildumfeld herauszuholen und zwischendurch auch mal groß-bunt-scharf abzulichten. Und zu zeigen. Und auch wieder zulassen, dass uns der pure Anblick eines anderen Geschöpfs, eines Lebewesens einer anderen Art erfreut. Aus sich selbst heraus, ohne das wir als Fotograf über unser kreatives Eingreifen im Mittelpunkt des Bildes stehen. Denn nur unterschiedliche Bilder können auch unterschiedliche Mitglieder der Öffentlichkeit erreichen. Was aber auch nicht heißen soll, das grundsätzliche Mindestanforderungen an ein Bild außer Acht gelassen werden können. Zudem sollten wir aber auch wieder mehr über die Natur und über die wilden Tiere „erzählen“. Neugierig machen, Informationen vermitteln und deutlich machen, das sie weit mehr sind als hübsche Staffage in unseren Bildern.

Nah dran heißt auch, manche Geschehnisse intensiver mitzuerleben, Gerüche und Geräusche wahrzunehmen und noch einwenig mehr zu erzählen zu haben.

 

Das leicht verschmitzte Lächeln des Moorfrosches wäre keinem Bildbetrachter aufgefallen, wenn ich ihn aus 20 Meter Entfernung aufgenommen hätte. Und nur weil ich auf Augenhöhe im Wasser lag, fallen den Leuten die doch schönen Augen überhaupt erst auf. Naturfotografen sollten immer mal etwas machen, was der „normale“ Mensch nicht macht und ihm so über Bilder zeigen, was er sonst nicht sieht.

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3 Gedanken zu „Nah ran“

    1. Hallo Holger, ein interessanter Gedanke. Gerade derart im Bestand gefährdete Arten können durch Beutegreifer natürlich ein Problem bekommen. Aber im Gebiet der Großtrappenaufzuchtstation und damit eigentlich im gesamten Revier, dass die Trappen in Deutschland noch zur Verfügung haben, sind es im Moment Fuchs und Seeadler, die dort den Vögeln schon jetzt zusetzen. Sicherlich wäre ein weiterer Prädator nicht unbedingt positiv. Aber der Wolf ist grundsätzlich eher Huftierfresser, der auch mal eine Trappe packen würde, aber sie nicht zur Hauptbeute erklären wird. Der Fuchs, der gezielt die brütenden Vögel und die Küken sucht, ist da ein anderes Problem. Und natürlich muss man auch sehen, dass sich der Wolf ja schon etabliert hat. Dass das natürlich auch Auswirkungen hat und noch haben wird, die nicht nur von allen positiv gesehen werden, ist klar. Wenn wir aber dem Wolf, wie im übrigen auch Fuchs, Seeadler u.a. ankreiden wollen, das sie Reh, Rebhuhn und vielleicht Trappe erbeuten, es aber ungerührt hinnehmen, dass Lebensraumverlust, Überdüngung, Straßenverkehr, Freizeitaktivitäten etc. all diesen Tieren um ein Vielfaches mehr zusetzen, würden wir ungerecht vorgehen. Und das die Großtrappe sowohl in der Individuenzahl derartig reduziert ist und gleichzeitig kaum Lebensraum zur Verfügung hat, ist allein menschlichen Aktivitäten zu verdanken. Viele Grüße Markus

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