Kontrollierte Bedingungen

Fotografieren aus bezahlten Ansitzen oder im Tierpark. Es ist eine immer wieder mal aufkommende Diskussion. Wie soll man mit Bildern umgehen, die unter sogenannten kontrollierten Bedingungen entstanden sind? Nahezu zeitgleich ist mir das Thema sowohl in Waren bei den Nordeutschen Naturfototagen als auch im Magazin Fotoforum begegnet. Eines der platzierten Bilder bei den Nordeutschen Naturfototagen, es zeigt einen tagaktiven Dachs an einem einfach zu malerisch ins Bild hineinragenden Zweig mit Beeren, ist im Rahmen eines Workshops bei einer Gamefarm in Tschechien aufgenommen worden. Viele fanden das Bild schön, sonst wäre es ja nicht gewählt worden. Nicht wenige fanden es aufregenswert, dass das Bild überhaupt gezeigt wurde. Im Fotoforum macht sich Niall Benvie lesenswert Gedanken über die in letzter Zeit zunehmenden Angebote, gegen Bezahlung fertige Fotosituationen nutzen zu können. Das ist sicherlich noch etwas anderes als etwa das arbeiten in einer Gamefarm oder im Zoo. Aber vereinfacht gesagt dreht es sich bei allen diesen Situationen um ähnliche Aspekte.

Eine Ringelgans auf Hallig Gröde. Ohne Ansitzhütte. Aber Dank einer lieben Bekannten, die dort wohnte und mich anrief, dass die Vögel da sind. Unterstützung braucht man immer. Vielen Fotografen, die rein wildlife arbeiten, stehen Wissenschaftler, Redaktionen, Naturschützer und anders Kundige zur Seite. Ohne Hilfe sind viele Bilder und Stories gar nicht möglich.

Die Kritiker solcher Fotosituationen bemängeln, das andere, nämlich die Anbieter, das Versteck und das Umfeld geschaffen haben und überhaupt erst dafür Sorge tragen, dass das Tier erscheint. In der Gamefarm wird das zahme Wesen sogar an der Leine herbeigeführt und nicht etwa durch eine Futterstelle angelockt. Die Kritiker möchten ihre Fotolokation selber bestimmen, die Art selber ausfindig machen, das Versteck errichten oder sich das Vertrauen des Tieres erarbeiten. Und sie möchten besondere, exklusive Augenblicke einfangen und ebensolche Bilder erstellen. Ein solches Vorgehen empfinden sie als befriedigender. Um ehrlich zu sein, ich auch.

Über dieses Bild bin ich sehr glücklich, denn es ist ein Brachvogel, den ich sehr mag, und ich bin nicht für den Abflug verantwortlich. Das Versteck habe ich selber mitgebracht. Mein Auto. Gleichzeitig betrübt es mich, dass die Vögel bei uns nur in einem kleinen Gebiet vorkommen…
Zu Kindertagen ein Allerweltsvogel. Die Haubenlerche. Als ich nach über 20 Jahren auf einem Autobahnrastplatz einen Trupp angetroffen habe, war ich aufgeregt und ehrfürchtig. Das Bild gibt dazu keinen Anlass, auch nicht die Lokation. Nur der Vogel.

Aber schauen wir uns das doch mal genauer an. Egal ob im Gehege, der Gamefarm oder in der bezahlten Ansitzhütte. Die Suche des Motivs, aufwendige Recherche und körperliche Arbeit entfallen. Der Fotograf, übertrieben gesagt, muss eigentlich nur noch auslösen. Man hat solche Bilder natürlich nicht exklusiv. Aber muss dass denn auch sein?  Neben dem Antrieb, ein besonderes Bild zu machen, von einem ganz besonderen (und damit exklusiven) Augenblick, gibt es auch die Motivation, dem Tier einer bestimmten Art einmal gegenüber zu stehen. Da geht es dann nicht um mich, um den Fotografen, und auch nicht um das Bild. Sondern um das Tier. Darum, ihm begegnet zu sein. Es fotografiert und erlebt zu haben. Klar, das ist ein bißchen Substitutionserlebnis. Aber vielleicht besser als nix? Denn leider ist es aus zeitlichen und finanziellen Gründen nicht jedem gegeben, all seinen Lieblingen in der freien Wildbahn zu begegnen. Das ist Fakt.

Und stellen wir uns weiter nur einmal vor, jeder der heute eine Kamera sein Eigen nennt, würde seinen Bildwunsch in Eigenregie draußen in der freien Wildnis umzusetzen versuchen. Das wäre ein lustiges Stelldichein im Wald. Also der Fotografen. Die Tiere wären bei dem Theater, dass dann da draußen herrschen würde, längst geflohen. Und zwar weit weg. Von plattgelaschter Vegetation mal ganz zu schweigen. Wir reden nämlich über ein absolutes Wachstumshobby, das eben auch Druck auf die Motive entwickeln kann. Ist es da so verkehrt, wenn sich zumindest Teile der Szene ab und an auf bestimmte Plätze konzentrieren, die darauf ausgerichtet sind?

Dieser Schwarzstorch ist aus einer vorgefertigten Ansitzhütte heraus fotografiert worden. Klar dürften auch andere das so ähnlich haben, aber mindert es die Würde des Vogels? Und ist ein Bild gut, nur weil es exklusiv ist?
An dem Bild habe ich richtig Spaß, denn dafür habe ich tagelang angesessen und den inneren Schweinehund bekämpft, um immer wieder ins Tarnzelt zu gehen. Und…das hab nur ich. Trotzdem doof, dass der Reiher so angeschnitten ist.
Derartige Bilder sind zwecks Emotionsbildung unerlässlich. Ich bin froh, dafür auf eine komerzielle Ansitzhütte zurückgreifen zu können, die der Anbieter mit viel Erfahrung und Genehmigung aufgebaut hat.

Manchmal hört man auch die Klage, dass es bei dieser Art der Fotografie nur auf das Geld ankommt, dass man für Ansitze ausgeben kann. Klar, das kostet. Und nicht zu knapp. Aber seien wir doch mal ehrlich. So ganz billig ist es auch nicht, an die fotogensten Orte der Welt zu jetten. Und Bilder von Pinguinen aus der Antarktis oder von Isländischen Wasserfällen ziehen schon auch mehr Aufmerksamkeit auf sich als etwa solche von Stockenten oder dem Bottroper Rotbach. Irgendwas ist immer ungerecht.

Auch dieses Bild ist aus einem bezahlten Versteck. Man hat oft schon auch kleine Möglichkeiten, ein individuelleres Bild zu machen, wenn das Motiv Freiraum hat.

Wichtig erscheint mir, das Naturfotografen bewusst arbeiten. Und eben darauf achten, ob das Motiv unter dem Fotografieren oder dem Umständen leidet oder zu Schaden kommt. Wenn etwa Tiere in einer Gamefarm zu Fotozwecken gehalten werden und zum Abdecker kommen, sobald sie alt und unfotogener werden, hat man da nichts zu suchen. Stehen Tiere im Zoo in ihrer eigenen …, muss man da keinen Eintritt zahlen. Und bedrängt ein Versteckanbieter die wilden Arten durch anbringen der Ansitze nachhaltig, sucht man sich einen anderen. Oder macht es allein, wenn man es besser kann!

Dieser Eisvogel war enorm zutraulich und liess Fotografen auf wenige Meter heran. Irgendwie war das nicht der Zauber eines stillen Morgen am einsamen, nebligen See. So mit 10 Kollegen, Kamerageräuschen und Stativgeklimper. Und trotzdem hatten alle ein Lächeln im Gesicht.
Gerade an wenig romantischen Plätzen sind unsere tierischen Motive am vertrautesten. Das Vertrauen von Wildtieren zu gewinnen, ist unter Umständen nicht unproblematisch. Denn es kann auch zu einer Änderung des Verhaltens führen, was nachteilige Auswirkungen haben kann, wenn der Fotograf wieder weg ist.

Was wir bei all dem nicht vergessen sollten, ist die Tatsache, dass es da draußen den allermeisten Tieren grundsätzlich beschissen geht. Wenn wir einen Falter auf der Distel fotografieren, sehen wir davon nichts. Kein Gitter, kein Tiertrainer und keine Ansitzhütte. Aber letztlich haben wir alle schon mal was von Insektensterben gehört, oder? Wir fotografieren, ohne uns bewusst zu machen, dass in der freien Natur vieles im Argen liegt. Die allermeisten Individuen und Arten, zoologische wie botanische, sind tagtäglich durch Verkehr, Freizeitdruck, Landwirtschaft, Gifte, Düngemittel, Jagd, Baumassnahmen, Lebensraumverlust etc. bedroht. Viele existenziell. Es ist gewiss etwas abstarkt, aber kann man sich wirklich so viel besser und befriedigter fühlen, ein Tier oder eine Pflanze unter diesen Bedingungen fotografiert zu haben? Vielleicht, wenn es nur um Kreativität und das Bild geht.

Seit die verschiedenen Hautpilze weltweit Frösche und Salamander hinraffen, kann man nur mit einem unguten Gefühl draußen fotografieren. Oder die Schuhe nach jedem Aufenthalt in feuchtem Biotop desinfizieren oder gründlich abtrocknen lassen, bevor es erneut raus geht. Ansonsten kann man immer Überträger des Pilzes werden.
Der Laubfrosch war in NRW in weiten Teilen ausgerottet und musste wieder angesiedelt werden. Dieses Bild konnte ich also nur Dank des Engagements einiger Naturschützer machen.

Wir sollten alle mehr Verständniss für die Lebensumstände und unterschiedlichen fotografischen Motivationen unserer Kollegen aufbringen sowie bei der Wahl unserer Fotomotive und Fotosituationen Menschenverstand walten lassen. Und es wäre schön, wenn die Empörung unter Naturfotografen noch viel größer und lauter werden würde. Aber nicht so sehr für ihre Auffassung, sondern für die Pflanzen, Tiere und Natur.

 

 

 

 

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6 Gedanken zu „Kontrollierte Bedingungen“

  1. Gamefarmen gehen für mich als Tierfotograf (sogenannter ambitionierter Hobbyfotograf) überhaupt nicht. An erster Stelle steht immer der Schutz der Natur und des Tieres. Der Eisvogel erinnert mich an die Eisvogelbrücke in Mülheim Saarn, wo immer viele Fotografen auf ihn warten. Einige „Ansitzstöcke“ sind auch angebracht worden. Der Vogel lebt dennoch in seiner natürlichen Umgebung. Ich finde es auch persönlich erfüllend, wenn man sich zunächst mit einem Vogel befassen muss, wenn man ihn ablichten will. So ging es mir bei dem Wintergoldhähnchen. Erst nachdem ich seine Lebensgewohnheiten und seinen Gesang kannte, ist es mir nach Wochen gelungen einen zu fotografieren. Das Glücksgefühl ist bedeutend höher, als wenn er irgendwie präsentiert würde um ihn dann zu fotografieren.
    Viele Grüße und Dank für den Blog.
    Uli

    1. Klar ist der Eisvogel aus Mülheim. Und ich seh da auch so, dass der Vogel trotz angebrachter Sitzwarten da sein Ding macht, und nicht negativ gesteuert wird. Es ist einfach für interessierte Menschen ein tolles Erlebnis. Und auch absolut richtig, dass Tierbegegnungen in einem solchen oder noch „natürlicherem“ Umfeld immer spannender sind, als etwa im Gehege oder auf einer Gamefarm zu fotografieren. Allerdings sind nicht alle dieser Einrichtungen so strukturiert, dass die Tiere unter den Bedingungen leiden. Mancher Falkner, der seine Vögel auch schon mal für Fotografen fliegen lässt, geht sicher sorgsam mit denen um, und auch einige große Farmen im südlichen Afrika kann man dazu zählen. Es gibt aber eben auch andere. Als Motivation für diesen Beitrag war für mich aber eben auch entscheidend, das wir uns mal vor augen führen, dass die vermeintlich freien und wilden Tiere es auch nicht so rosig haben, wie unsere hübschen Bilder manchmal vermitteln. Wollte demnächst mal wieder hin nach Mülheim, aber mehr wegen der Rotkehlchen. aus irgendeinem Grund klappt das da am besten. Vielleicht trifft man sich. Viele Grüße, Markus

  2. Sehr gut geschrieben Markus, die Tiere und die Natur sollten im Vordergrund stehen. Viele Naturfotografen die Bilder von Tieren und Pflanzen machen sollten denjenigen die Bilder näher bringen die die Tiere und Pflanzen nicht kennen. Denn nur was man auch kennt ist in den Augen vieler unwissenden Menschen schützenswert. Meiner Meinung nach ist es im Grunde genommen egal wo ich das Bild aufgenommen habe. Wichtig ist nur das die Natur und die Tiere nicht in Mitleidenschaft gezogen werden.
    Aber wie Du schon schreibst leider ist vieles nur eine Profit Sache.

    1. Vielleicht geht es nicht nur um Profit. Anerkennung ist eine starke Triebfeder. In der ZDF-Mediathek gibt es gerade ein Gespräch von Precht mit einem amerik. Soziologen, indem es auch um das Thema Anerkennung geht. Wegen Anerkennung schneidet man Vogelnester frei, um ein Bild zu bekommen, photshoppt bei Wettbewerbsbildern usw. Alles ja nachvollziehbar. Das Tiere immer wieder, auch für Fotografen, als Ware betrachtet werden, ist tatsächlich eher ein Kommerzerzeugnis. Und natürlich darf man auch mit Natur und Tieren Geld verdienen. Mach ich ja letztlich auch. Die Frage ist immer, wie macht man das. Um Menschen Tiere vor Augen zu führen oder im Gedächtnis zu halten, können in der Tat auch Gehege oder gar gamefarmbilder geeignet sein. Wir werden aber dabei nie auf die Geschichten und wirklichen Naturbilder verzichten können, die wir vielleicht nur noch mehr und auf vielfältigeren Wegen unters Vilk bringen sollten.
      Viele Grüße, Markus

  3. Gestatten? Ein kleiner „Wutbeitrag“… 😉

    „Kontrollierte Bedingungen“… ein super Begriff. Wofür? Für alles, was mit „capive“ bezeichnet wird? Vielleicht. Fakt ist aber: Für den, der sich in die Verhaltensbiologie einer Tierart ganz, ganz tief hineingedacht, hineingearbeitet hat, für den ist (fast) nichts wirklich „unkontrolliert“. So weit zur Theorie.

    Ich bin jedenfalls nach wie vor heilfroh für jeden, der im Tierpark ein Superfoto vom Wolf, vom Luchs, vom Schwarzstorch und in einer Gamefarm vom Elephant, vom Nashorn oder dem Rest der big five macht.

    Und ich bin stinksauer auf jeden, der – geil auf´s eigene (!) Wolfsbild – den allerersten Wölfen, die es nach fast 20 Jahren auch mal bis nach NRW geschafft haben (im Jahr 2000 gab es das erste reproduzierende Wolf-Rudel westlich der Elbe) in den blauen Abend- oder frühen Morgenstunden hinterher steigt.

    Um was geht es denn? Um ein gutes Bild oder um Selbstbefriedigung – sorry für den Begriff. Aber angesichts der digitalen Bilderflut muss heute niemand mehr auf Kosten der Natur (Markus spricht völlig zurecht von „plattgetrampelter Vegetation“) SEIN Wolfsbild machen. Aber der leibe Wolf ist nur ein Synonym – fast beliebig durch andere, wildlebende Arten ersetzbar.

    „Ich will aber natürliches Verhalten dokumentieren“ schallt es mir immer wieder entgegen, wenn ich für sogenannte „Captive“-Bilder votiere. Stimmt – unter kontrollierten Bedingungen ist natürliches Verhalten kaum garantiert. Aber mal ehrlich: Welch Tier- und Naturfotograf ist denn so fit in seinem biologischen know-how, dass er beurteilen kann, was bei welcher Art wann und wo ein „natürliches Verhalten“ sei? Hierfür reicht es nicht zu wissen was die förderliche Blende ist und es reicht auch nicht, eine Fotoausrüstung im Wert eines Mittelklassewagens gut versichert ins Moor zu schleppen – sorry.

    Insofern ist es gut und richtig, dass nur Wenige, ausreichend know-how-reiche, den Grizzlybären am Youkon photographieren, und die Vielen damit zufrieden sind und sein können, den Braunbären nordöstlich Neuschönau im Bayerischen Wald hinter Mauer und Wassergraben zu fotografieren. Wir sollten uns die Empörung aufsparen für die „Kollegen“, die gefährdeten Kreaturen so auf den Pelz rücken, dass man, wenn es sich denn um Menschen handeln würde, durchaus von einer „Verletzung der Privatsphäre“ sprechen könnte.

    1. Hallo Peter, natürlich sollen die Menschen schon auch draußen in der Natur ihrem Hobby bzw. ihrer leidenschaft nachgehen können, wir sollten sie sogar dazu ermutigen. Nur eben auch dazu, sich gleichzeitig mehr Wissen anzueignen. Mir ist es immer wichtig, dass sich die Menschen etwas bewusst machen. Dann ist man nicht automatisch fehlerfrei oder ein besserer Mensch, aber versetzt sich zunehmend in die Lage, in kleinen Schritten immer wieder mal etwas besser zu machen oder Blödsinn zu unterlassen. Undd ann ist doch schon viel erreicht. Die von mir eingeforderte Empörung möchte ich aber nicht vor allem auf Kollegen gerichtet wissen, sondern auf all die anderen Vorgänge, die Natur und Tiere tatsächlich in ihren Beständen bedrohen. Ist mir wichtig, dass klarzustellen. Ich weiß aber, wie du das meinst. Nur so als Anlass für weitere Diskussion: traust du den Naturfotografen tatsächlich so wenig Sachverstand zu?

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