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Bilddokumente

Bem letzten großen Elbehochwasser war ich im Wendland unterwegs. Mit ein wenig Unbehagen. Denn während ich versuchte, dort Naturbilder zu machen, arbeiteten THW, Feuerwehr und unzählige andere freiwillige Helfer daran, die dort lebenden Menschen vor dem steigenden Wasser so gut es geht zu bewahren.Da ich die Gegend dort inzwischen gut kenne und auch eine gewisse Beziehung zu der Landschaft habe, wollte ich das stark veränderte Landschaftsbild auch mal fotografieren. Dabei fühlte ich mich erst recht nicht wohl und habe es bis auf zwei schnelle Knipsbilder gelassen. Als vor einigen Wochen das schwere Unwetter über das Ruhrgebiet zog, war ich damit beschäftigt, den Sturm daran zu hindern, den Regen durch den Fensterrahmen in mein Büro zu drücken. Nach etwa 20 Minuten war der schlimmste Spuk vorbei. Am anderen Morgen aber zeigte der Blick vom Balkon ein unschönes Bild. Umgeknickte Bäume auf den Straßen sowie auf Autos, Swimmingpools und Hausdächer. Und der Wald, auf den ich bislang immer blicken durfte, zeigte riesige Lücken im eigentlich dichten Blätterdach. Also bin ich raus.

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Lücken in den Baumkronen nach dem Sturm – Markus Botzek

Jetzt spürte ich wieder das Unbehagen, die Kamera mitzunehmen und den Wunsch, das Geschehene im Bild festzuhalten. An der Elbe sagte ich noch zu mir, dass ich Naturfotograf sei und kein Reporter. Aber das ist eine alberne Ausrede gewesen. Das Erscheinungsbild meiner Heimat hat sich in der relativ kurzen Zeit des nächtlichen Unwetters z.T. unwiederbringlich verändert. Bin ich denn als Naturfotograf nur dazu da, schöne Bilder mit Flairs und heiler Welt zu erzeugen?

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Die kleine Straße durch den Wald war erstmal gesperrt – Markus Botzek

 

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Man kann den Sturmschaden schon erkennen, aber einige stehen ja noch… – Markus Botzek

Schöne Bilder waren wirklich nicht drin. Oder zumindest nicht für mich. Mit starkem Graufiltereinsatz wäre sicher was gegangen, aber wozu mehr Dramatik. Das reale, unschöne ist dramatisch genug. Daher habe ich mich auch entschlossen, diese schlechten Fotografien dennoch zu zeigen, weil ich in diesem Zusammenhang gemerkt habe, dass auch schlechte Fotografien in bestimmten Zusammenhängen eine Berechtigung haben.

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Direkt an der Straße und an den angrenzenden Häusern wurden aus verständlichen Sicherheitsaspekten die Bäume zuerst bearbeitet – Markus Botzek

Ich habe für mich beschlossen, auch als Naturfotograf derart massive Veränderungen in der Landschaft, im Erscheinungsbild meiner Umgebung und der Welt zukünftig im Bild festzuhalten. Ohne darauf zu achten, ob die Situation ein schönes Bild ergibt, das dem Zeitgeist und den Ansprüchen künstlerischer Fotografie entspricht und mir Chancen in einem Wettbewerb sichert. Fotografie ist auch eine Form der Dokumentation. Das scheinen wir manchmal zu vergessen. Wir klammern viele miese Bilder direkt und ohne weiter nachzudenken aus, heben aber perfekt inszenierte Bilder von höchstem ästhetischen Anspruch in den Fotohimmel, auch wenn diesen zeitgleich ein tieferer Sinn oder Inhalt fehlt. Die Auswirkungen eines solchen Trends auf die Naturfotografie kann man auch erkennen, wenn man sich die Kategorien in den einschlägigen Wettbewerben anschaut. Dort herrscht eine erstaunliche Artenarmut, weil wir uns verstärkt an den Plätzen aufhalten, die uns Arten liefern, an denen wir unsere gesamte Kreativität ausleben können. Arten, die nicht bei einem Shooting gleich den Einsatz aller Objektive, Filter, Wassersprühflaschen etc. ermöglichen, werden rarer.

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Bis auf die wenigen Stämme hinten im Bild sind alle Bäume weg, und damit das ehemalige Landschafts- bzw. Stadtbild sowie der Lebensraum für viele tierische Nachbarn – Markus Botzek

 

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Mal sehen, was mit der Fläche zukünftig passiert. Sollte der Wald neu entstehen dürfen, habe ich eine schöne dokumentarische Arbeit direkt vor der Tür – Markus Botzek

Vielleicht müssen wir auch etwas „politischer“ werden, denn mit schönen Bildern allein werden wir unserem Wunsch, mit unserer Arbeit auch etwas für die Natur zu tun, allein wohl nicht gerecht. Der Wald hinter meinem Haus ist inzwischen nicht nur durch den Sturm stark beschädigt, er ist inzwischen von städtischen Motorsägen völlig entfernt worden. Dabei standen einige Bäume sicher noch recht fest in der Erde und auch der ein oder andere Baumstumpf hätte stehen gelassen werden können. Das wäre sicher ökologischer gewesen, denn in Totholz vermehren sich Käfer und anderes. Und für die nachwachsenden Nachfahren der alten Eichen und Buchen hätten sie als Sonnenschutz und Wachstumshilfe dienen können. Stattdessen ist die Fläche total ausgeräumt. Wird hier ein Unwetter genutzt, Naturfläche verschwinden zu lassen? Zumindest sieht man, das Naturschutz, Ökologie oder das Bild eines natürlichen Waldes nicht überall Einzug gehalten haben.

Ich werde nachfragen, den ich bin kein Anhänger von haltlosen Verschwörungstheorien. Aber besser wäre es gewesen, direkt nach der Katastrophe Bilder zu machen, sie zu posten und an den entsprechenden Ämtern mal vorstellig zu werden. Das habe ich verpennt. Was hier hinterm Haus mit dem kleinen Wald passiert, passiert woanders mit Orchideenrasen, Mooren und großen Wäldern, ohne das Naturfotografen sich regen. Oft verliert die Natur, weil die sie schädigenden Menschen es nicht besser wissen. Naturfotografen könnten durchaus das Wissen über die Natur in der Öffentlichkeit erhöhen. Wenn wir aber vor allem auf perfekte Bilder achten, die wenig Inhaltliches erzählen, wird das nix.

Ein sicher emotional motivierter und daher auch noch nicht ganz zu Ende gedachter Beitrag, der durch Anmerkungen und Kommentare weiterentwickelt werden muss.

Viel Spaß dabei

Markus Botzek

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