Nick Rossi of Combichrist © Holger Brücker

Available Everything – Konzert- und Showfotografie zwischen Reaktion und Antizipation

Ein Gastbeitrag von Holger Bücker

Meine fotografische Leidenschaft bewegt sich zwischen zwei Bereichen, die auf den ersten Blick unterschiedlich erscheinen: Während die Konzertfotografie bereits seit 2010 meine Passion ist, kam vor einigen Jahren die Show- beziehungsweise Artistikfotografie hinzu. In der Praxis liegen diese beiden Fotogebiete jedoch erstaunlich nah beieinander.

Beide Bereiche unterliegen in der Regel klaren Zugangsbeschränkungen. Ohne entsprechende Akkreditierung ist ein Arbeiten in diesen Umgebungen meist nicht möglich – ein Aspekt, der diese Disziplinen von vielen anderen Bereichen der Fotografie unterscheidet.

Beide gehören außerdem zu den wenigen Disziplinen der Fotografie, in denen man als Fotograf nahezu nichts kontrollieren kann. Hier geht es nicht nur um das wohlbekannte „Available Light“, sondern um „Available Everything“.

Ein verpasster Moment ist unwiederbringlich verloren.

Als Konzertfotograf muss man damit umgehen, dass alles gleichzeitig passiert: Lichtstimmungen wechseln im Sekundenbruchteil, Nebel verändert Kontraste, LED-Wände erzeugen plötzliches Gegenlicht, Musiker bewegen sich über die Bühne und interagieren untereinander oder mit dem Publikum. Pyroeffekte liefern zusätzliche, flüchtige Motive.

Hinzu kommen die äußeren Bedingungen: wenig Platz, hohe Lautstärke, Hitze. Vor einem das Geschehen, hinter einem die Fans.

Beim Fotografieren eines Konzerts geht es nach meinem Verständnis nicht nur darum, einzelne Künstler zu porträtieren. Entscheidend ist, zusätzlich die gesamte Szenerie zu erfassen: die Dynamik zwischen den Musikern, die Interaktion mit dem Publikum, die Lichtdramaturgie und die Atmosphäre des Raumes. Erst aus diesem Zusammenspiel entsteht ein Bild, das die Energie eines Konzerts transportiert.

Ähnlich ist es in der Show- und Artistikfotografie – oft sogar noch extremer. Akrobatische Sprünge, Würfe oder Rotationen in der Luft dauern nur Bruchteile von Sekunden. Auch hier gibt es keine zweite Chance. Als Fotograf kann man weder eingreifen noch eine Szene wiederholen lassen.

Zudem ist die eigene Position häufig nur eingeschränkt beeinflussbar: Ein voller Graben, der zugewiesene Platz, Bühnenaufbauten, Sicherheitsabstände oder das Publikum bestimmen die Perspektive. Umso wichtiger ist es, Bewegungen zu antizipieren, Abläufe zu verstehen und im entscheidenden Moment bereit zu sein.

Unvorhersehbares Licht

Eine der zentralen Gemeinsamkeiten beider Bereiche ist das Licht. Es ist in der Regel dramatisch, zumeist wechselhaft und oft extrem kontrastreich. Mal fällt es hart von oben, mal kommt es frontal aus einem Spot, mitunter verändert es sich innerhalb weniger Sekunden vollständig.

Oft ist es nur knapp vorhanden – und im nächsten Moment wieder im Überfluss. Planbarkeit existiert praktisch nicht. Mit der Zeit lernt man jedoch, das Licht „Song für Song“ zu lesen und wiederkehrende Muster zu erkennen.

Als Fotograf muss man daher permanent reagieren: Belichtung anpassen, Perspektiven neu bewerten, Bewegungen vorhersehen. Konzentration und Erfahrung sind dabei essenziell – denn alles passiert gleichzeitig.

Technik als echter Möglichmacher

In vielen fotografischen Genres bedeutet moderne Kameratechnik vor allem Komfort. In der Konzert- und Showfotografie erweitert sie jedoch tatsächlich die Möglichkeiten.

Schnelle Autofokussysteme helfen, bewegte Motive präzise zu verfolgen und stets scharf abzulichten. Hohe ISO-Leistung ermöglicht rauscharme und detailreiche Bilder auch bei schwierigsten Lichtverhältnissen. Eine hohe Serienbildgeschwindigkeit erhöht die Chance, genau den Moment zu treffen, in dem Bewegung, Ausdruck und Licht optimal zusammenkommen.

Für besondere Ereignisse wie das M’era Luna Festival oder große Konzertproduktionen leihe ich mir daher gezielt zusätzliche Ausrüstung bei AC-Foto. Mit meiner Canon R3 mit dem Canon 70-200 f/2,9 RF als Erstkamera bin ich hervorragend ausgestattet, doch meine Canon 5D Mark III als Zweitkamera im Weitwinkelbereich lässt Raum für Optimierung.

So habe ich mir bereits mehrfach die Canon R1 ausgeliehen – eine Kamera, die in diesem Umfeld neue Möglichkeiten eröffnet. Die R3 wird in solchen Situationen zur Zweitkamera mit einem meiner Weitwinkelobjektive. Gerade wenn ein Musiker in den Graben kommt, Kontakt zu den Fans aufnimmt und ich direkt dahinter stehe, ist eine spiegellose Kamera mit Schwenkdisplay ein echter Vorteil – insbesondere bei Über-Kopf-Aufnahmen.

Bei all diesen Vorteilen: Technik ersetzt dabei nicht das fotografische Sehen. Aber sie entscheidet mit, ob sich das, was man sieht und antizipiert, im entscheidenden Moment auch technisch umsetzen lässt.

Herausforderung und Adrenalin: Fotografieren im Tunnel

Genau in diesen Rahmenbedingungen liegt für mich die besondere Faszination dieser Fotografie. Man kann nichts arrangieren, nichts wiederholen und nichts nachstellen. Man kann nur beobachten, reagieren und im richtigen Moment auslösen: Es ist Adrenalin pur – und Leidenschaft.

Wenn ich bei einem Konzert „Full Show“ fotografieren kann und nicht nur die üblichen ersten drei Songs, erlebe ich rund eineinhalb Stunden im Tunnel. Ich nehme das Konzert extrem intensiv wahr – allerdings auf eine völlig andere Weise als ein Besucher.

Konzert- und Artistikfotografie verlangen Antizipation, Technikverständnis und Erfahrung – vor allem aber Leidenschaft. Und genau deshalb stehe ich immer wieder dort, wo alles gleichzeitig passiert: Mitten im Available Everything.

Über Holger Bücker

Holger Brücker © Kim George
Holger Bücker
© Kim George

Holger Bücker ist ein aktiver und erfolgreicher Fotograf auf nationalen und internationalen Fotowettbewerben. Als Autodidakt hat er sich Fotografie und Bildbearbeitung selbst erarbeitet. Sein Interesse an der Fotografie besteht seit der Kindheit, mit der Digitalfotografie ab 2007/2008 entwickelte sich daraus eine Leidenschaft – geprägt vom Fotografieren um des Fotografierens willen.

Seinen Einstieg in die Konzertfotografie hatte er 2009, seit 2010 ist er regelmäßig tätig – zunächst für Musikmagazine, seit einigen Jahren unter eigenem Namen für Fotokunstwettbewerbe sowie für sein „Alter Ego“ Music2See (Instagram, Facebook u. a.). Ergänzend hat sich die Showfotografie in den letzten Jahren zu einer zweiten fotografischen Leidenschaft entwickelt.

Seine Arbeiten erscheinen unter anderem auf Covern von Musikzeitschriften, auf Album-Covern, in CD-Booklets sowie auf Merchandising-Produkten von Bands.

Darüber hinaus konnte er zahlreiche Titel bei Fotowettbewerben gewinnen, darunter Deutscher Fotomeister, Sieger der Fotostaatsmeisterschaft Österreich (Sparte Monochrom) sowie Landesfotomeister Westfalen. Seine Arbeiten wurden zudem mit über 1.500 Auszeichnungen bei nationalen und internationalen Fotowettbewerben prämiert. Weitere Erfolge sind mehrere Top-20-Platzierungen im „Who’s Who in Photography“ der Photographic Society of America (PSA), zwei Finalteilnahmen bei den Sony World Photography Awards sowie eine Auszeichnung mit dem Second Place „New Advertising Talent of the Year“ beim PX3 (Prix de la Photographie, Paris).

Neben seiner fotografischen Arbeit gibt Holger Bücker sein Wissen in Fotocoachings und Kursen weiter – vor Ort in Hannover und online. Zum Online-Angebot gehören Bildbesprechungen und individuelle 1:1-Coachings für Fotografen, die in die kreative Fotografie einsteigen oder sich weiterentwickeln möchten. Weitere Informationen unter www.malenmitlicht.info

Seine Konzertfotos auf Instagram: www.instagram.com/music2see

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert