Blogbeitrag Brütende Haubentaucher im Müritz-Nationalpark (c) Robert Sommer

Brütende Haubentaucher im Müritz-Nationalpark

Ein Gastbeitrag von Robert Sommer

Wenn ich mit der Kamera unterwegs bin, fotografiere ich meist das, was mir zufällig vor die Linse läuft oder fliegt. Doch weitaus effektiver – und spannender – ist es, sich über einen längeren Zeitraum hinweg einer einzelnen Tierart zu widmen. Nur so lassen sich die vielen unterschiedlichen Verhaltensweisen wirklich beobachten und festhalten.

Konzentriert man sich auf eine Art, sollte man zunächst herausfinden, wo sie vorkommt und an welchen Stellen sich gute Beobachtungsmöglichkeiten bieten. In diesem Jahr habe ich mich für die Haubentaucher entschieden – und im Müritz-Nationalpark findet man sie glücklicherweise beinahe an jeder Ecke. Durch einen wertvollen Tipp konnte ich einen Standort nutzen, an dem ganze zwölf Haubentaucherpaare auf engstem Raum brüteten. Perfekte Bedingungen also für ein solches Vorhaben.

Blogbeitrag Brütende Haubentaucher im Müritz-Nationalpark (c) Robert Sommer

Um den Vögeln auf Augenhöhe zu begegnen und einen wunderbar weichen Hintergrund zu erhalten, ist eine möglichst bodennahe Position entscheidend. Praktischerweise befand sich direkt neben den Nestern ein kleiner Steg, auf dem ich es mir bequem machen konnte. Da in der Nähe ein kleiner Hafen liegt, sind die Haubentaucher dort an die Anwesenheit von Menschen gewöhnt; ihre Fluchtdistanz ist geringer als üblich. Das erleichtert die Arbeit ungemein – Tarnung ist praktisch nicht erforderlich.

Die schönsten Lichtbedingungen herrschen wie so oft früh am Morgen, rund um den Sonnenaufgang. Wenn die Nacht klar und deutlich kälter war als der Tag, besteht eine gute Chance, dass sich am Morgen eine dichte Nebelschicht über den See legt. Sobald die Sonne über den Horizont steigt, scheint alles für einen Moment zu brennen. Der Vogel erscheint dann nur noch als Silhouette – wie ein Phönix, der aus der Asche aufersteht. Der Nebel wirkt wie ein natürlicher Diffusor und verleiht dem Licht eine angenehme Weichheit, die die grazile Form des Haubentauchers eindrucksvoll hervorhebt.

Blogbeitrag Brütende Haubentaucher im Müritz-Nationalpark (c) Robert Sommer

An einem Morgen, als die Sonne gerade über den Horizont stieg, war ich gemeinsam mit meinem Cousin wieder bei den Haubentauchern. Während ich auf dem Steg lag und einen brütenden Vogel fotografierte, bat ich ihn, ein Stück zur Seite zu treten. Die tief stehende Sonne warf lange Schatten – und sein Schatten fiel nun genau auf den Haubentaucher, während das Schilf im Hintergrund weiterhin vom warmen Morgenlicht erfasst wurde.

Blogbeitrag Brütende Haubentaucher im Müritz-Nationalpark (c) Robert Sommer

 Durch die Abschattung wirkte der Haubentaucher etwas dunkler, sodass ich insgesamt leicht überbelichten musste. Das sonnenbeschienene Schilf im Hintergrund wurde dadurch noch heller und strahlender. Die Farben intensivierten sich, und gleichzeitig musste ich nicht befürchten, dass die hellen Federpartien an Kopf und Brust des Vogels ausbrennen würden. Auch die Kontraste gestalteten sich insgesamt angenehmer und weicher.

Blogbeitrag Brütende Haubentaucher im Müritz-Nationalpark (c) Robert Sommer

Doch auch die Variante ohne Abschattung hat ihren eigenen Reiz. Wie so oft hängt die Entscheidung vom persönlichen Geschmack ab. Die beiden Fotos entstanden unmittelbar nacheinander – und zeigen eindrucksvoll, wie stark sich Lichtführung auf die Bildwirkung auswirkt.

Während einer der Haubentaucher auf dem Nest sitzt, ist der andere unermüdlich damit beschäftigt, das schwimmende Nest weiter auszubauen. Schilf, Gräser, Seerosenblätter und alles, was sich sonst noch finden lässt, werden herangetragen und sorgfältig in die bestehende Konstruktion eingearbeitet. In regelmäßigen Abständen tauschen die beiden ihre Rollen: Der Vogel, der das Nistmaterial gesammelt hat, übernimmt das Brüten, während der andere erneut auf Nahrungssuche und Materialsuche geht.

Blogbeitrag Brütende Haubentaucher im Müritz-Nationalpark (c) Robert Sommer
Blogbeitrag Brütende Haubentaucher im Müritz-Nationalpark (c) Robert Sommer

Bevor sich der wechselnde Partner jedoch auf die Eier setzt, folgt ein kurzer, aber wichtiger Kontrollgang. Jedes Ei wird behutsam gedreht, damit der Embryo nicht an der Schale haftet und alle Eier gleichmäßig gewärmt werden. So stellen die Haubentaucher sicher, dass sich ihr Nachwuchs optimal entwickeln kann.

Blogbeitrag Brütende Haubentaucher im Müritz-Nationalpark (c) Robert Sommer

Ich habe die Nester über mehrere Wochen hinweg beobachtet, und das Schöne daran ist, dass man dabei ganz nebenbei eine beeindruckende Vielfalt weiterer Tiere zu Gesicht bekommt. Im Schilf huschen Teichrohrsänger umher, Graureiher patrouillieren lautlos am Ufer, gelegentlich ziehen Fisch- und Seeadler majestätisch über den See, und selbst ein Schwarzmilan war ein regelmäßiger Besucher.

Blogbeitrag Brütende Haubentaucher im Müritz-Nationalpark (c) Robert Sommer

Man muss also stets aufmerksam bleiben – wer weiß, vielleicht schnappt sich der Milan ja genau in diesem Moment einen Fisch direkt vor meiner Nase?

In all den Wochen hatte ich sehnsüchtig darauf gewartet, dass endlich die kleinen Küken schlüpfen. Doch nach und nach blieben von den ursprünglich zwölf Nestern nur noch vier übrig. Die anderen schienen wie vom Erdboden verschluckt. Was genau mit ihnen geschehen war, lässt sich schwer sagen – doch in der Umgebung leben Fischotter, Waschbären und andere Tiere, die es sicher auf die Eier abgesehen haben.

Vom Nachwuchs jedoch fehlte weiterhin jede Spur.

An einem Abend, als ich erneut bei den Haubentauchern saß, blickte ich mich wie gewohnt zuerst nach Anzeichen frisch geschlüpfter Küken um. Doch nichts deutete darauf hin, dass sich etwas verändert hatte. Die Haubentaucher brüteten offenbar noch immer, und zunächst schien es ein ruhiger Abend zu werden. Nur der Schwarzmilan kreiste hoch über mir, und ich hoffte wie so oft, dass er endlich einmal einen Fisch schlagen würde. Doch kurz darauf verschwand er hinter einer Baumreihe – also widmete ich mich weiterhin den Haubentauchern.

Dann geschah es plötzlich, völlig unerwartet: Der Schwarzmilan schoss wie aus dem Nichts heran, ging steil hinunter und steuerte nicht etwa das Wasser an, sondern eines der Nester. Mit einem gezielten Griff erbeutete er ein Küken. Offenbar war doch bereits mindestens eines geschlüpft. Die Haubentaucher stürzten sich verzweifelt auf den Angreifer und versuchten, ihn mit ihren spitzen Schnäbeln zu vertreiben – doch sie hatten keine Chance. Der Milan flog mit seiner Beute zum nächsten Baum und ließ sich an diesem Abend nicht mehr blicken.

Blogbeitrag Brütende Haubentaucher im Müritz-Nationalpark (c) Robert Sommer

Ich hatte nur einen kurzen Augenblick, um zu begreifen, was gerade geschehen war. Zum Glück war die Kamera bereits eingestellt und griffbereit auf meinem Schoß. Instinktiv riss ich sie hoch, peilte den Milan an und drückte ab. Der Autofokus griff sofort – und so gelang es mir, diesen dramatischen Moment festzuhalten.

Bisher war mir nicht bewusst, dass Schwarzmilane Küken direkt aus einem Nest holen. Doch dieses Exemplar hatte sich offenbar – angesichts der Vielzahl der Nester und der guten Bedingungen – darauf spezialisiert.

Blogbeitrag Brütende Haubentaucher im Müritz-Nationalpark (c) Robert Sommer

Den Haubentauchern blieb nichts anderes übrig, als es erneut zu versuchen. Am Ende waren es nur noch zwei Nester, doch auch diese blieben in diesem Jahr ohne Bruterfolg. Wer letztlich für die Zerstörung der Nester verantwortlich war, lässt sich nicht mit Gewissheit sagen – doch ich weiß zumindest, wer sich an den bereits geschlüpften Küken vergriffen hat.

So blieb mir in diesem Jahr zwar die Aufnahme der Küken verwehrt, wie sie auf dem Rücken ihrer Eltern mitfahren, doch dafür konnte ich eindrucksvolle und bewegende Beobachtungen machen. Die Natur mag mitunter grausam erscheinen, aber auch der Schwarzmilan muss seinen Nachwuchs versorgen und selbst überleben.

Blogbeitrag Brütende Haubentaucher im Müritz-Nationalpark (c) Robert Sommer


 Dennoch hätte ich mir gewünscht, dass wenigstens einige der Küken überlebt hätten. Für das kommende Jahr hoffe ich, dass die Haubentaucher mehr Glück haben werden.

Über Robert Sommer

Robert lebt nach vielen Jahren in seiner Wahlheimat Hamburg wieder an der Müritz, wo er aufgewachsen ist. Schon immer fotografiebegeistert, entflammte seine Leidenschaft 2009 mit dem Kauf einer Spiegelreflexkamera. Anfangs fotografierte er alles, heute liegt sein Fokus auf Landschafts- und Tierfotografie. Er liebt es, draußen zu sein, frische Luft zu genießen, neue Orte zu entdecken und abzuschalten. Die Natur bietet unzählige Motive, besonders die Tierfotografie bleibt spannend – man weiß nie, was einen erwartet. Das Naturerlebnis steht für ihn an erster Stelle, ein gelungenes Foto ist das i-Tüpfelchen.

Ob Tiere oder Landschaften, entscheidend ist das Licht, das meist früh morgens zum Sonnenaufgang eben am besten ist. Dafür steht er gern früh auf, um die Ruhe alleine zu genießen. Wenn die Welt erwacht, bringt er erste Bilder und ein Lächeln mit nach Hause – und genießt den ersten Kaffee des Tages. Neben der Fotografie ist das Reisen seine zweite große Leidenschaft, besonders nach Skandinavien – wo auch viele seiner Bilder entstehen. Seit 2018 ist Robert offizieller SIGMA-Referenzfotograf und seit 2019 Vollmitglied der GDT.

Weitere Bilder von Robert findet ihr auf seiner Webseite www.sommerblende.de und auf seinen Instagram– und Facebook-Profilen.

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