Den Kranichen auf der Spur (c) Robert Sommer

Den Kranichen auf der Spur – Beringung von Jungvögeln an der Müritz

Ein Gastbeitrag von Robert Sommer

In diesem Blogbeitrag dreht sich alles um den Vogel des Glücks – den Kranich. Diese beeindruckenden Großvögel ziehen Jahr für Jahr zahlreiche Naturfreunde in ihren Bann, wenn sie während des Vogelzugs in Zehntausenden über Deutschland hinwegziehen. Es gibt einige besondere Hotspots, an denen man sie in großen Schwärmen beobachten kann, wenn sie am Abend zu ihren Schlafplätzen fliegen. Zu diesen Orten zählen beispielsweise der Darß, Linum oder auch der Müritz-Nationalpark. Auch mich faszinieren diese Vögel immer wieder aufs Neue.

Doch auch wenn die Kraniche so groß sind und während des Vogelzuges in so hoher Anzahl auftauchen, so sind sie äußerst scheu und wachsam. Diese Vorsicht ist ein wichtiger Schutzmechanismus, der ihnen bei der Aufzucht ihrer Jungvögel zugutekommt.

Den Kranichen auf der Spur (c) Robert Sommer

Wenn man früh morgens unterwegs ist und die Wiesen noch in einen zarten Nebelschleier gehüllt sind, passt das perfekt zur Heimlichkeit dieser Tiere. Aus dem Auto heraus lassen sich oft schöne Fotos machen, doch sobald man aussteigt, sind die Kraniche meist schon wieder verschwunden – selbst auf größere Entfernung.

Den Kranichen auf der Spur (c) Robert Sommer

Obwohl die Verbreitung und die Dichte der Kranichbrutpopulation in Deutschland weiterhin zunehmen, bleibt der Schutz dieser faszinierenden Tiere von größter Bedeutung. Denn durch die Intensivierung der Landwirtschaft und den Verlust von Feuchtgebieten wird ihr natürlicher Lebensraum zunehmend eingeschränkt.

Kraniche bevorzugen vor allem Bruchwälder, Sumpf- und Moorgebiete, da das hochstehende Wasser ihnen einen natürlichen Schutz vor Fressfeinden wie dem Fuchs bietet. Da sich diese sumpfigen Gebiete nur selten außerhalb ihrer eigenen Welt verirren, bleiben die Brutvögel meist unbemerkt. Sie halten sich stets im Verborgenen auf, und sollte doch einmal jemand näher kommen, machen sie sich meist lautlos aus dem Staub.

Ich hatte das Glück, eine Zeit lang einen Freund zu begleiten, der sich ehrenamtlich und mit großem Engagement für den Kranichschutz in Deutschland einsetzt. Er ist das ganze Jahr über unterwegs, um diese beeindruckenden Vögel zu schützen.

Den Kranichen auf der Spur (c) Robert Sommer

Die wichtigste und zugleich zeitaufwändigste Aufgabe ist die Erfassung der Kranichbrutplätze. Wer in diesem Bereich tätig ist, weiß in der Regel genau, wo die Paare brüten und wie viele Nester es gibt. Dazu gehört, regelmäßig bekannte Brutplätze zu kontrollieren und neue zu entdecken. In von Kranichen stark besiedelten Gebieten bleibt oft nur die Möglichkeit, mit Gummistiefeln oder Wathosen direkt in den Sumpf oder das Moor zu gehen. Dabei wird man häufig selbst zum Mückenfutter. Doch nur so lässt sich zuverlässig feststellen, ob überhaupt Kraniche brüten und wie viele Paare in einem Gebiet ansässig sind.

Den Kranichen auf der Spur (c) Robert Sommer

Die Kraniche brüten ihre Eier etwa 30 Tage lang, und Anfang Mai erblickt der Nachwuchs das Licht der Welt. Obwohl die Küken Nestflüchter sind, bleiben sie noch lange bei ihren Eltern, mindestens bis zum Flüggewerden und dem Beginn der Sammelphase der Kraniche Ende Juli im Brutgebiet. Während dieser Zeit schätzen die jungen Vögel den Schutz der Feuchtgebiete sehr.

Gerade in dieser Phase ist es besonders wichtig, die Standorte regelmäßig zu kontrollieren, denn Ende Juni wird es richtig spannend.

Je nach Schlupfbeginn sind die Kranichküken Mitte bis Ende Juni etwa sechs Wochen alt und aus dem Gröbsten heraus. Mit etwa zehn Wochen sind sie dann flügge. Nun beginnt die Zeit der Kranichberingung, die von großer Bedeutung ist. Um mehr über diese faszinierenden Vögel zu erfahren und sie effektiver schützen zu können, werden Kraniche im Rahmen eines europaweiten Projektes beringt und teilweise auch besendert.

Den Kranichen auf der Spur (c) Robert Sommer

Die Beringung ist spannender, als man zunächst vermuten könnte. Wie bereits erwähnt, verlassen die Kraniche kurz nach dem Schlüpfen das Nest, sodass man nicht einfach ungestört ans Nest herangehen und die Jungen beringen kann.

Stattdessen ist sportliches Geschick gefragt: Man muss die Jungvögel einfangen. Der Überraschungsmoment ist hierbei entscheidend. Dank der Vorarbeit der vergangenen Wochen sind die potenziellen Standorte bekannt, die nacheinander abgearbeitet werden. Mit dem Auto fährt man sich möglichst nah an die Stellen heran, und wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist, stürmen ein oder zwei Helfer aus dem Fahrzeug und rennen, was das Zeug hält. Mit etwas Glück gelingt es, einen Jungvogel zu fangen.

Den Kranichen auf der Spur (c) Robert Sommer

Und nun ist Eile geboten, um die Störung so gering wie möglich zu halten. Man zieht dem Kleinen vorsichtig einen leichten Leinensack über den Kopf, damit er nichts sieht und sich beruhigt. Zunächst wird die Länge des Fußes gemessen und das Alter grob eingeschätzt. Anschließend wird eine kleine Feder entnommen, mit deren Hilfe später das Geschlecht des Kranichs bestimmt wird.

Jetzt folgt der wichtigste Schritt: das Anbringen der Ringe. Jeder Kranich erhält einen Aluminiumring, der eine einzigartige Nummer trägt, sowie den Namen der verantwortlichen Vogelwarte.

Den Kranichen auf der Spur (c) Robert Sommer

Da dieser Ring nur aus nächster Nähe abgelesen werden kann – was in der Regel nur bei einem toten Kranich möglich ist – erhält der Vogel zusätzlich eine Reihe größerer Ringe aus Plastik. Diese sind deutlich größer, besitzen keine Nummern und unterscheiden sich lediglich durch ihre Farben.

Die aus zwei Hälften bestehenden Ringe werden über dem Intertarsalgelenk durch Zusammendrücken befestigt. Am linken Bein trägt der Kranich drei farbige Ringe, die die Landeskennung anzeigen, während am rechten Bein ebenfalls drei farbige Ringe die individuelle Kennung repräsentieren. Die Kombination aller sechs Ringe funktioniert wie ein „Personalausweis“ und ermöglicht es Ringablesern, den Kranich auf Zugrouten durch Europa zu identifizieren. Ablesungen der farbigen Ringe können bequem in der eigens dafür entwickelten Online-Datenbank iCORA gemeldet werden.

Den Kranichen auf der Spur (c) Robert Sommer

Einige Kraniche erhalten nicht nur bunte Ringe an den Beinen, sondern auch einen GPS-Sender. Diese Sender werden jedoch ausschließlich an Jungvögel angebracht, die bereits etwas größer sind und etwa sechs Wochen alt sind. Ältere Jungvögel haben eine höhere Überlebenschance im Vergleich zu noch jüngeren Kranichen, die möglicherweise leichter Opfer von Fressfeinden werden oder aus anderen Gründen nicht überleben könnten. Dass ein Kranich mit einem GPS-Sender überlebt, ist jedoch von großer Bedeutung. Zum einen geht es darum, so viele Daten wie möglich zu sammeln, und zum anderen sind die Sender relativ teuer. Nur durch den Einsatz dieser Geräte lassen sich detaillierte Informationen über die Zugwege und Aufenthaltsorte der Kraniche gewinnen

Den Kranichen auf der Spur (c) Robert Sommer

Obwohl es auch größere „GPS-Rucksäcke“ gibt, haben wir die kleinere Variante verwendet, die in die farbigen Ringe integriert ist. Diese ist nicht nur kostengünstiger, sondern auch deutlich leichter. Nachdem der Vogel seinen neuen Beinschmuck erhalten hat, fehlt nur noch das Wiegen mit einem Tuch und einer Hängewaage.

Nachdem auch dieser Schritt erledigt ist, kann der frisch beringte Jungvogel wieder zu seinen Eltern oder in den Schutz des Feuchtgebiets zurückkehren.

Die meisten kleinen Kraniche haben sofort ihre Beine in die Flügel genommen und sind davon gezogen. Lediglich ein Vertreter schien das Beringen etwas übel genommen zu haben und zeigte sich eher auf Krawall gebürstet. Nachdem er uns seine Meinung deutlich gemacht hatte, zog auch er schließlich davon und war nur kurze Zeit später wieder mit seinen Eltern vereint.

Den Kranichen auf der Spur (c) Robert Sommer

Die Beringung selbst dauert nur wenige Minuten, sodass die Störung für die Jungvögel so gering wie möglich gehalten wird. Währenddessen habe ich mich ganz auf das Fotografieren konzentriert und versucht, möglichst unauffällig zu bleiben, damit die Experten ihre Arbeit ungestört durchführen konnten. Es war ein einzigartiges und faszinierendes Erlebnis, und es gibt ein gutes Gefühl, zu wissen, dass die Arbeitsgemeinschaft Kranichschutz Deutschland mit ihren Mitgliedern sich aktiv für den Schutz dieser eleganten Vögel einsetzt. Ich hoffe sehr, dass alle beringten Vögel die Prozedur gut überstanden haben und in den kommenden Jahren vielleicht sogar ihre eigenen Küken an der Müritz großziehen werden.

Den Kranichen auf der Spur (c) Robert Sommer

Über Robert Sommer

Robert lebt nach vielen Jahren in seiner Wahlheimat Hamburg wieder an der Müritz, wo er aufgewachsen ist. Schon immer fotografiebegeistert, entflammte seine Leidenschaft 2009 mit dem Kauf einer Spiegelreflexkamera. Anfangs fotografierte er alles, heute liegt sein Fokus auf Landschafts- und Tierfotografie. Er liebt es, draußen zu sein, frische Luft zu genießen, neue Orte zu entdecken und abzuschalten. Die Natur bietet unzählige Motive, besonders die Tierfotografie bleibt spannend – man weiß nie, was einen erwartet. Das Naturerlebnis steht für ihn an erster Stelle, ein gelungenes Foto ist das i-Tüpfelchen.

Ob Tiere oder Landschaften, entscheidend ist das Licht, das meist früh morgens zum Sonnenaufgang eben am besten ist. Dafür steht er gern früh auf, um die Ruhe alleine zu genießen. Wenn die Welt erwacht, bringt er erste Bilder und ein Lächeln mit nach Hause – und genießt den ersten Kaffee des Tages. Neben der Fotografie ist das Reisen seine zweite große Leidenschaft, besonders nach Skandinavien – wo auch viele seiner Bilder entstehen. Seit 2018 ist Robert offizieller SIGMA-Referenzfotograf und seit 2019 Vollmitglied der GDT.

Weitere Bilder von Robert findet ihr auf seiner Webseite www.sommerblende.de und auf seinen Instagram– und Facebook-Profilen.

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