Die Wächter der Berge (c) Xaver Zimmermann

Die Wächter der Berge

Ein Gastbeitrag von Xaver Zimmermann

Ein trockenes Knacken hallte durch die morgendliche Stille. Sofort wanderte mein Blick zum Felsenhang neben mir. Dort hatte sich etwas bewegt.

Monatelang hatte ich auf diesen Moment gewartet.

Eine Begegnung, die alles verändert

Die Gämse war längst mehr geworden als nur das Motiv eines Films. Ursprünglich hatte ich lediglich geplant, diese faszinierenden Tiere für ein einzelnes Projekt zu begleiten. Doch je mehr Zeit ich mit ihnen verbrachte – in Deutschland, Österreich, der Schweiz und schließlich hier in Frankreich – desto mehr wuchs meine Begeisterung für sie.

Aus einem Film wurde eine ganze Kampagne. Gemeinsam mit verschiedenen Partnern wollte ich zeigen, wie eng das Leben dieser Tiere mit ihrem Lebensraum verbunden ist und wie wenig es eigentlich braucht, um sie zu schützen. Oft reichen schon wenige Regeln und ein wenig Rücksichtnahme, damit Mensch und Wildtier friedlich nebeneinander existieren können.

Doch in diesem Moment rückten all diese Gedanken in den Hintergrund.

Die Wächter der Berge (c) Xaver Zimmermann

Die Wächter erscheinen

Langsam schob sich ein Kopf über die Kuppe des Hügels. Dann wurden die Konturen eines Körpers sichtbar.

Eine Gämse.

Kurz darauf folgte eine zweite.

Die Wächter der Berge (c) Xaver Zimmermann

Ruhig und aufmerksam stiegen die Tiere höher hinauf, Schritt für Schritt den Wiesen entgegen, auf denen sie täglich nach Nahrung suchten. Für einen Augenblick schien die Zeit stillzustehen.

Ich hielt unwillkürlich den Atem an, hob die Kamera und drückte den Auslöser.

Vor mir spielte sich genau die Szene ab, die für mich das Wesen der Gämse perfekt verkörpert. Wenn Menschen an Gämsen denken, sehen sie oft majestätische Gestalten in einer gewaltigen Bergwelt. Fast wirken sie wie mystische Wächter der Alpen – untrennbar verbunden mit Fels, Wind und Weite.

Die Wächter der Berge (c) Xaver Zimmermann

Genau dieses Gefühl wollte ich in meinen Bildern und Filmaufnahmen sichtbar machen.

Zwischen Fotografie und Film

Bei der Arbeit mit den Gämsen experimentierte ich mit unterschiedlichen fotografischen und filmischen Ansätzen. Besonders wichtig war mir dabei immer die Beziehung zwischen Tier und Landschaft.

Die Umgebung erzählt einen wesentlichen Teil der Geschichte. Erst durch die gewaltigen Berge, die steilen Felswände und die weiten Hänge wird deutlich, unter welchen Bedingungen diese Tiere leben. Die Gämse allein ist beeindruckend – ihre Heimat macht sie außergewöhnlich.

Die Wächter der Berge (c) Xaver Zimmermann

Gleichzeitig stellte mich diese Produktion immer wieder vor eine Herausforderung: den Wechsel zwischen Film und Fotografie.

Eigentlich war ich hier, um zu filmen. Doch manche Momente entfalten ihre ganze Kraft erst in einem einzigen Bild. Dann reicht eine Szene von wenigen Sekunden, um eine Geschichte zu erzählen.

Die Wächter der Berge (c) Xaver Zimmermann

So entstand auch die Idee, mit der Technik des Intentional Camera Movement (ICM) zu experimentieren. Durch längere Belichtungszeiten und gezielte Kamerabewegungen entstehen fließende Übergänge zwischen Landschaft und Tier. Die Grenzen verschwimmen, Bewegung und Umgebung verschmelzen miteinander. Für mich war das ein spannender Weg, die enge Verbindung zwischen den Gämsen und ihrem Lebensraum auf eine neue Art sichtbar zu machen.

Die wichtigste Lektion der Berge

Trotz aller fotografischen Experimente bestand meine eigentliche Aufgabe darin, die Tiere zu beobachten und ihr Verhalten zu dokumentieren.

Dabei wird schnell deutlich, dass ihr Schutz erstaunlich einfach sein kann.

Im Grunde gibt es nur zwei Regeln:

  • Auf den ausgewiesenen Wegen bleiben.
  • Schutzgebiete nicht betreten.

Wer sich daran hält, leistet bereits einen enormen Beitrag zum Schutz der Tiere.

Für uns bedeutete das natürlich auch Einschränkungen. Wir positionierten uns bewusst am Rand der Wege und blieben dort. Nicht, weil wir uns den Tieren nicht nähern wollten, sondern weil genau diese Berechenbarkeit Vertrauen schafft.

Denn egal, wie gut man sich versteckt: Die Tiere wissen fast immer, dass man da ist.

Der Unterschied ist, dass sie lernen können, einen Menschen einzuordnen, solange er sich ruhig verhält und ihren Lebensraum respektiert.

Die Wächter der Berge (c) Xaver Zimmermann

Vertrauen statt Verfolgung

Genau darin liegt für mich die eigentliche Schönheit der Naturfotografie.

Es macht keinen Sinn, Wege zu verlassen oder Wildtieren hinterherzulaufen. Gute Bilder entstehen nicht durch das Erzwingen von Nähe. Sie entstehen durch Geduld, Respekt und Vertrauen.

Die schönsten Begegnungen sind jene, bei denen die Tiere selbst entscheiden, näherzukommen.

Und genau das geschah an diesem Morgen.

Nicht wir hatten die Distanz überwunden.

Die Gämsen kamen zu uns.

Für einen kurzen Augenblick wurden wir Teil ihrer Welt – und genau das machte diesen Moment so besonders.

Über Xaver Zimmermann

Portrait Xaver Zimmermann

Mein Name ist Xaver Zimmermann und ich fotografiere und filme. Meine Leidenschaft hat mich so zur Natur geführt und mittlerweile konnte ich viele Erfolge damit einfahren. Mit meinen Arbeiten versuche ich den Menschen immer zu zeigen, dass wir ein Teil dieser Natur sind und so haben wir auch die Aufgabe, sie zu beschützen.

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