Ein Frühling bei den Haubentauchern (c) Robert Sommer

Ein Frühling bei den Haubentauchern

Ein Gastbeitrag von Robert Sommer

Als der Frühling in Hamburg Einzug hielt, nutzte ich jede freie Minute, um draußen in der Natur zu sein – ein Glück, dass die Stadt weit mehr Grün und Gewässer bietet, als man es von einer Großstadt erwarten würde. Überall erwachte das Leben, und ich entdeckte zahlreiche Vogelnester. Doch wirklich spannend wurde es erst, als ich ein Nest der Haubentaucher fand. Diese Vögel haben mich schon immer fasziniert. Vor einigen Jahren hatte ich bereits ein Pärchen begleitet, allerdings ohne das Glück, die Küken vor die Linse zu bekommen.

Ein Frühling bei den Haubentauchern (c) Robert Sommer

In den letzten Jahren hatte sich nie die passende Gelegenheit geboten, diese Vögel zu fotografieren. Doch diesmal stimmte alles: Das Nest lag nur zehn Minuten von meinem Zuhause entfernt, sodass ich jederzeit vorbeischauen konnte. Zudem befand es sich mitten in Hamburg, was die Vögel erstaunlich gelassen machte – menschliche Präsenz schien sie kaum zu stören. So konnte ich mich in Ruhe mit dem Stativ ans Ufer setzen und die Tiere beobachten. Besonders günstig jedoch waren die Lichtverhältnisse: Das Nest war so platziert, dass sowohl am Morgen als auch am Abend perfektes Licht herrschte. Es gab also keinen Grund, diesen Frühling ungenutzt verstreichen zu lassen. Schließlich fehlten mir noch immer die Aufnahmen der kleinen Küken, die sich auf dem Rücken der Eltern tragen lassen. Die Gelegenheit war ideal – also wagte ich einen neuen Versuch.

Ein Frühling bei den Haubentauchern (c) Robert Sommer

Bei meinem ersten Besuch Mitte April war das Pärchen mit dem Nestbau beinahe fertig; nur ein paar kleine Ausbesserungen standen noch aus. Eier lagen jedoch noch keine im Nest, doch es konnte nicht mehr lange dauern. Die beiden arbeiteten mit sichtbarem Eifer daran, dass es bald losgehen konnte. Mit Schwung sprang das Männchen auf das wartende Weibchen, das bereits auf dem Nest saß. Danach glitt es elegant nach vorne ins Wasser und präsentierte sich stolz mit geschwellter Brust – als wolle es der ganzen Welt zeigen, was für ein prächtiger Vogel es war. Dieses reizvolle Ritual wiederholten die beiden mehrmals täglich. Und tatsächlich: Eines Tages lag das erste Ei im Nest. Meine Freude war groß, und ich begann sofort auszurechnen, wann die Küken schlüpfen würden – etwa vier Wochen später.

Ein Frühling bei den Haubentauchern (c) Robert Sommer

Das Nest füllte sich allmählich, und schon bald lagen darin ganze drei Eier. Bei einem meiner nächsten Besuche war ich erneut vor Sonnenaufgang vor Ort. Zu dieser frühen Stunde liegt der See für gewöhnlich still und friedlich da – doch an diesem Morgen war etwas anders. Die Graugänse, die sonst auf den angrenzenden Wiesen grasten, schwammen unruhig über das Wasser und machten lautstark auf sich aufmerksam. Auch die Haubentaucher hielten sich beide in der Seemitte auf, obwohl zumindest einer von ihnen im Nest hätte sitzen und brüten müssen.

Dann der Schock: Das Nest war leer.

Ein Frühling bei den Haubentauchern (c) Robert Sommer


Jemand – oder etwas – hatte die Eier geraubt. Rückblickend hatten sich die Haubentaucher den Standort ihres Nests vielleicht nicht ideal gewählt. Es ruhte auf den Ästen einer Baumkrone, die vor einigen Jahren ins Wasser gestürzt war. Für einen Räuber bedeutete das: ein bequemer Weg. Er konnte einfach den Stamm entlanglaufen und problemlos bis zum Nest gelangen. Vielleicht war es der Fuchs, den ich an einem anderen Morgen am gegenüberliegenden Ufer beobachtet hatte – doch sicher lässt sich das nicht sagen.

Die Haubentaucher wirkten an jenem Morgen ungewöhnlich nervös. Immer wieder suchten sie kurz ihr zerstörtes Nest auf, nur um sich anschließend auf der gegenüberliegenden Seite des Sees an den Bau eines neuen Nests zu machen. Es sah nicht gut aus, und meine Hoffnung auf Kükenfotos schwand zusehends.

Doch nur drei Tage später die Überraschung: Die beiden saßen wieder auf dem ursprünglichen Nest, und kurze Zeit darauf lagen dort tatsächlich neue Eier. Also begann das Warten von vorn.

In den darauffolgenden Wochen war ich jedes Mal erleichtert, wenn ich am See ankam und sah, dass das Nest unversehrt war – und die Eier noch immer darin lagen.

Ein Frühling bei den Haubentauchern (c) Robert Sommer

Ich verbrachte sowohl am frühen Morgen als auch am Abend viel Zeit bei den Haubentauchern. Besonders die Abende hatten ihren Zauber: Wenn die Sonne hinter den Bäumen versank, verwandelte sich die Wasseroberfläche in flüssiges Gold, und die blühenden Frühlingsbüsche zauberten ein wunderbar natürliches Bokeh in den Hintergrund.

Die Wochen vergingen, und es wurde zunehmend ruhiger am Nest. Die Haubentaucher waren nun vollständig mit dem Brüten beschäftigt. Doch sie waren nicht die einzigen gefiederten Bewohner des Ufers. Über mir im Baum brütete ein Kleiberpaar, etwas weiter entfernt hatten Buntspecht und Weidenmeise ihre Nester, und auf dem See tummelten sich nach wie vor zahlreiche Graugänse.

So mangelte es mir in dieser Zeit nie an Motiven. Jeder Besuch lohnte sich, denn es gab immer etwas zu beobachten – und fast immer ein schönes Bild, das darauf wartete, festgehalten zu werden.

Ein Frühling bei den Haubentauchern (c) Robert Sommer

Die Zeit verging, und es musste nun jeden Tag so weit sein: Die Küken standen kurz vor dem Schlüpfen. Die Haubentaucher gingen auf Nummer sicher und duldeten keinerlei Nähe zu ihrem Nest. Selbst die sonst so streitlustigen Graugänse wurden mit Nachdruck vertrieben – und bei diesem spitzen Schnabel wagte ohnehin niemand, sich mit ihnen anzulegen.

Ein Frühling bei den Haubentauchern (c) Robert Sommer

Anfang Juni besuchte ich die Haubentaucher erneut früh am Morgen. Einer der beiden saß, wie gewohnt, ruhig auf dem Nest – alles wirkte vollkommen normal. Doch als der andere Haubentaucher plötzlich aufgeregt heranschwamm und einen kleinen Fisch im Schnabel trug, wurde mir rasch klar, dass etwas Besonderes geschehen sein musste.

Als er das Nest erreichte, hob sich das Gefieder des brütenden Vogels leicht – und darunter erschien ein winziger, gestreifter Kopf, der den angebotenen Fisch gierig entgegennahm.

Sie hatten es geschafft.

Ein Frühling bei den Haubentauchern (c) Robert Sommer

Letztendlich wurden es drei kleine Minihaubentaucher, die in den ersten drei Tagen noch direkt im Nest gefüttert wurden. Doch schon bald war es Zeit für sie, ihre Umgebung zu erkunden. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich fotografisch ausschließlich an das Nest gebunden.

Da das Haubentaucherpärchen nun jedoch unablässig unterwegs war, um kleine Fische für den Nachwuchs zu suchen, konnte ich am Ufer entlanglaufen und die Vögel auf ihrem Weg begleiten. Dadurch eröffneten sich mir völlig neue Möglichkeiten: unterschiedliche Lichtstimmungen, wechselnde Hintergründe – und vor allem die Chance auf wunderschönes Gegenlicht im zarten Morgennebel.

Ein Frühling bei den Haubentauchern (c) Robert Sommer

Anfangs mussten die Kleinen lediglich vom Rücken der Eltern hinunterrutschen, wenn diese sich putzten oder kräftig schüttelten. Doch schon bald wurden die Ausflüge häufiger, und die Jungvögel verbrachten immer mehr Zeit im Wasser und in der Nähe ihrer Eltern.

Auch die gefangenen Fische wurden von Tag zu Tag größer. Nicht selten fragte ich mich, wie die Küken solche beeindruckenden Brocken überhaupt verschlingen konnten. Bei manchen Fischen schien der Nachwuchs regelrecht zu kämpfen – doch am Ende fand sich offenbar stets genügend Platz.

Ein Frühling bei den Haubentauchern (c) Robert Sommer

Die Zeit verging, und die jungen Haubentaucher wuchsen zusehends heran. Über zwei Monate hinweg begleitete ich das Pärchen, und in diesen vielen Stunden entstanden unzählige Aufnahmen. Besonders genoss ich die frühen Morgenstunden, in denen ich allein am See saß, während die Sonne langsam den Nebel durchbrach.

Ringsum erwachte das Leben, und ich war mitten darin – ein stiller Beobachter in einer Welt, die für einen Moment vollkommen im Gleichgewicht schien. Diesen Frühling werde ich so schnell nicht vergessen.

Über Robert Sommer

Robert lebt nach vielen Jahren in seiner Wahlheimat Hamburg wieder an der Müritz, wo er aufgewachsen ist. Schon immer fotografiebegeistert, entflammte seine Leidenschaft 2009 mit dem Kauf einer Spiegelreflexkamera. Anfangs fotografierte er alles, heute liegt sein Fokus auf Landschafts- und Tierfotografie. Er liebt es, draußen zu sein, frische Luft zu genießen, neue Orte zu entdecken und abzuschalten. Die Natur bietet unzählige Motive, besonders die Tierfotografie bleibt spannend – man weiß nie, was einen erwartet. Das Naturerlebnis steht für ihn an erster Stelle, ein gelungenes Foto ist das i-Tüpfelchen.

Ob Tiere oder Landschaften, entscheidend ist das Licht, das meist früh morgens zum Sonnenaufgang eben am besten ist. Dafür steht er gern früh auf, um die Ruhe alleine zu genießen. Wenn die Welt erwacht, bringt er erste Bilder und ein Lächeln mit nach Hause – und genießt den ersten Kaffee des Tages. Neben der Fotografie ist das Reisen seine zweite große Leidenschaft, besonders nach Skandinavien – wo auch viele seiner Bilder entstehen. Seit 2018 ist Robert offizieller SIGMA-Referenzfotograf und seit 2019 Vollmitglied der GDT.

Weitere Bilder von Robert findet ihr auf seiner Webseite www.sommerblende.de und auf seinen Instagram– und Facebook-Profilen.

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