Kann die Vogelfotografie der Wissenschaft nutzen? (c) Jörg Asmus

Kann die Vogelfotografie der Wissenschaft nutzen? (Teil 2)

Ein Gastbeitrag von Jörg Asmus

Gleich zu Beginn dieses Beitrags könnte diese Frage eindeutig mit einem „Ja“ beantwortet werden! Allerdings auch nur dann, wenn die Wissenschaft von relevanten Fotografien überhaupt Kenntnis erlangt.

In Teil 1 hat Jörg uns bereits drei Beispiele präsentiert, in der die Vogelfotografie der Wissenschaft von Nutzen sein konnte. In diesem Beitrag beschäftigen wir uns mit weiteren Beispielen.

Beispiel 4: Die vielen Irrgäste

In ornithologischen Meldeportalen (www.ornitho.de) stößt man des Öfteren auf Beobachtungsmeldungen von seltenen Vögeln. Damit meine ich, wenn zum Beispiel Spornpieper (Anthus richardi), Steppenkiebitze (Vanellus gregarius), Steppenweihen (Circus macrourus), Sichler (Plegadis falcinellus), Wellenläufer (Oceaonodroma leucorhoa) oder Gelbbrauen-Laubsänger (Phylloscopus inornatus) von ihren eigentlichen Zugrouten abweichen und sich unter anderem nach Deutschland verirren. Die Beobachtungen von solch seltenen Zugvögeln ist oft bereits ein besonderes Erlebnis, aber wenn man solche Gegebenheiten auch noch im Bild festhalten kann, umso besser. Die Eintragung der eigenen Sichtung eines Irrgastes in ein ornithologisches Meldeportal erlangt sofort Glaubwürdigkeit, wenn dazu auch eine Aufnahme des Vogels übermittelt wird.

Auf der schwedischen Insel Öland ist es mir in der Vergangenheit das eine oder andere Mal gelungen solche Irrgäste selbst im Bild festzuhalten. Am 12.09.2019 gelang es mir dort einen Rotfußfalken (Falco vespertinus) zu fotografieren. Das europäische Verbreitungsgebiet (Brutgebiet) dieser Spezies befindet sich in Südrussland sowie der Ukraine, aber alljährlich werden immer wieder auch einige Individuen auf Öland gesichtet. Interessanterweise spricht sich auch in Schweden das Vorhandensein von solchen gebietsbedingt ungewöhnlichen Sichtungen sehr schnell herum. Auch hier gibt es entsprechende Meldeportale und die Hobbyornithologen sind untereinander sehr gut vernetzt.

Kann die Vogelfotografie der Wissenschaft nutzen? (c) Jörg Asmus

Rotfußfalke als Irrgast auf Öland.

Oft sichtet man auf Öland auch den Gelbbrauen-Laubsänger. An der Vogelfangstation Ottenby im Süden der Insel verirrte sich 2021 ein Exemplar nicht nur genau dorthin, sondern über mehrere Tage hinweg flog der bereits beringte Vogel regelmäßig immer wieder in die Fangnetze der Ornithologen. Gelbbrauen-Laubsänger sind eigentlich Vögel der Taigazone der östlichen Paläarktis von Jakutien und Ussuriland nach Westen bis in den nördlichen Ural. Die Überwinterungsgebiete befinden sich in den Subtropen und Tropen von Südostasien bis nach West- und Nordost-Indien, aber nicht in Nordeuropa.

Kann die Vogelfotografie der Wissenschaft nutzen? (c) Jörg Asmus

Gelbbrauen-Laubsänger, gefangen an der Vogelstation Ottenby, Süd-Öland.

Am 12.10.2021 befand sich auf Süd-Öland innerhalb einer Gruppe von 25 Ringelgänsen (Branta bernicla) ein Exemplar, dass farblich von den anderen abwich. Es handelte sich dabei um die Unterart B. b. hrota, die hellbäuchige Ringelgans, die eigentlich in den Gebieten Westkanadas, Nordgrönlands, Spitzbergens und des Franz-Joseph-Lands ihren Verbreitungsschwerpunkt findet. Die Überwinterungsgebiet dieser Subspezies liegen an der Küste Südostenglands.

Kann die Vogelfotografie der Wissenschaft nutzen? (c) Jörg Asmus

Hellbäuchige Ringelgans (B. b. hrota) im südlichen Teil der Insel Öland.

Kann die Vogelfotografie der Wissenschaft nutzen? (c) Jörg Asmus

Zum Vergleich die Ringelgans als Nominatform B. b. bernicla, ebenfalls aufgenommen im Süden Ölands.

Aber auch in Deutschland ist mir vor einigen Jahren ein Foto von einem Silberreiher (Ardea alba) gelungen, das immer noch Fragen aufwirft. Entgegen den inzwischen häufig in Deutschland vertretenen Silberreihern hatte dieses Exemplar rote Beine und eine etwas andere Färbung der nackten Gesichtshaut. Aus diesen sichtbaren Merkmalen ließ sich das von mir fotografierte Exemplar auf den ersten Blick als Angehöriger der Unterart A. a. modesta identifizieren. Nach einigen Recherchen stellte sich heraus, dass über die Jahre bereits mehrere Fotos von derartig gefärbten Silberreihern in Teilen Europas gemacht worden sind und auch Spezialisten mehrfach versuchten dieses Phänomen zu klären. Allerdings ist man sich in der Wissenschaft noch nicht so richtig einig, womit das Auftreten solcher Individuen erklärt werden könnte. Eine hormonelle Störung wird vermutet oder auch eine Form der Mutation, eventuell muss die systematische Trennung der Silberreiher-Unterarten auch noch einmal überdacht werden, vielleicht handelt es sich ja auch um entwichene Gefangenschaftsvögel oder tatsächlich um Irrgäste. Verwirrend! Letztendlich wartet man nun auf eine Klärung durch genetische Untersuchungen und vielleicht spielen Fotografien solcher Vögel in naher Zukunft dann doch wieder eine entsprechende Rolle bei der Gesamtbetrachtung dieser Beobachtungen.

Kann die Vogelfotografie der Wissenschaft nutzen? (c) Jörg Asmus

Silberreiher (hinteres Exemplar), vom Typus her ein Angehöriger der Unterart A. a. modesta im NSG Große Rosin, Mecklenburg-Vorpommern. Im Vordergrund zum Vergleich ein Silberreiher der Nominatform. 

Beispiel 5:  Farbabweichungen

Farbabweichungen bei Vögeln beschäftigen Ornithologen aber auch Laien schon länger, fallen doch insbesondere anders gefärbte Vögel dem Kenner sofort auf. Vor allem sind dies die ansonsten schwarz gefärbten Vögel, wie die Amsel (Turdus merula) oder auch Rabenkrähe (Corvus corone), wenn bei diesen Arten einzelne weiße Federn vorhanden oder einzelne Individuen sogar gänzlich weiß gefärbt sind. Es gibt teilweise überraschende Erscheinungsformen, mit denen sich auch die Wissenschaft auseinandersetzt. Der Wissenschaftler Hein van Grouw (National History Museum Tring) beschäftigte sich in der letzten Zeit zum Beispiel intensiv mit der systematischen Unterscheidung aberranter Färbungstypen bei Vögeln und ist sehr dankbar, wenn ihm Fotomaterial von fehlgefärbten Vögeln zugesandt wird. Ich habe ihm ein Foto einer Gruppe Kormorane zur Verfügung gestellt, dass ich im Oktober 2021 auf Öland aufgenommen habe.

Kann die Vogelfotografie der Wissenschaft nutzen? (c) Jörg Asmus

Leuzismus oder Fortschreitendes Ausbleichen bei einem Kormoran. Die Aufnahme entstand am Südende der schwedischen Insel Öland.

Für mich stellte sich die Frage, ob es sich bei dem fehlgefärbten Individuum um ein fortschreitendes Ausbleichen des Gefieders handelt oder um Leuzismus. Der Leuzismus ist durch ein partielles Fehlen von Eu- und Phaeomelanin bedingt und eher selten, während das fortschreitende Ausbleichen als wahrscheinlichere Ursache für derartige Farbveränderungen anzusehen ist. Im Vergleich zum fortschreitenden Ausbleichen hat sich das Ausmaß der Weißfärbung beim Leuzismus bereits im embryonalen Zustand entwickelt und ändert sich im Verlauf des Lebens auch nicht. Leider kennt man dieses Unterscheidungskriterium in der freien Wildbahn in der Regel nicht, da man den Vogel zumeist nur einmal sieht (oder fotografiert!!!).

Und somit erhielt ich auf meine Nachfrage bei Herrn Achim Zedler, der sich ebenfalls mit Farbabweichungen bei Vögeln beschäftigt, die persönliche Mitteilung, dass es sich bei dem von mir fotografierten Kormoran um so etwas Ähnliches wie Leuzismus handelt, nämlich das sehr viel häufigere „fortschreitende Ausbleichen“. Er bezieht sich bei seiner Aussage auf das Verteilungsmuster, das bei Leuzismus anders in Erscheinung tritt und mit jedem Mauserzyklus fortschreitet (Achim Zeidler, pers. Mitt.). So ganz ausschließen kann man Leuzismus bei dem abgebildeten Tier aber dann auch wieder nicht, da man nicht weiß, ob dieser Kormoran schon immer genau dieses Verteilungsausmaß weißer Federn besitzt.

Beispiel 6: Auffällige Verhaltensweisen

Mitunter hält man sich bei seinen Fototouren etwas länger an ein und demselben Ort auf und beobachtet dann Dinge, die vielleicht noch nie vorher beschrieben worden sind. So ging es mir im Juni 2015, als ich es mir mit meiner Fotoausrüstung im Göljån-Tal in Mittelschweden gemütlich machte.

Ende August 1997 ereignete sich Göljån-Tal eine enorme Flutkatastrophe; innerhalb von 24 Stunden fielen bis zu 400 mm Regen, die höchste je in Schweden gemessene Niederschlagsmenge, was zu Bergstürzen und Überschwemmungen führte. Die Wassermassen des Flusses Göljån stiegen bis auf das 500-fache an und durch eine bis zu 6 m hohe Flutwelle wurden ca. 10.000 m² Holz abgeknickt, umgeworfen und zu großen Holzstauungen angeschwemmt. Das Totholz beließ man nach dieser Katastrophe vor Ort und die Natur erholte sich nach und nach wieder.

Als ich mich nun am 25.06.2015 in diesem Gebiet befand, fielen mir im Totholz einige junge Zaunkönige (Troglodytes trodlodytes) auf. Es waren insgesamt sieben Jungvögel und deren Eltern, die sich geschickt durch das Totholz bewegten. Es ist allgemein bekannt, dass flügge Zaunkönige nach Verlassen des Nestes noch lange Zeit gemeinsam unterwegs sind. Somit war es auch nicht weiter ungewöhnlich, dass sich immer 2 oder 3 Jungvögel in unmittelbarer Nähe zueinander aufhielten und an dem einen oder anderen Ästchen, Moos- und Flechtenteilen oder ähnlichen Pflanzenbestandteilen zupften. Diese Jungvogelgemeinschaft setzte sich aus drei lockeren Gruppierungen zusammen; verstreut auf eine Fläche von etwa 200 m².

Um 09.43 Uhr geschah dann etwas Außergewöhnliches. Wie auf Kommando fanden sich alle sieben Zaunkönig-Junge gleichzeitig unter einem umgestürzten Baum zusammen, alle Jungvögel, die ich dort bis dahin gezählt habe. Sie schmiegten sich eng aneinander und schlossen schließlich schnell die Augen. Insgesamt sechsmal wurden die Jungen dann innerhalb einer dreiviertel Stunde von den Eltern mit Insektenlarven versorgt. Die kurzen Fütterungsphasen wurden stets von längeren Ruhephasen unterbrochen. Um 10.27 Uhr verließen alle sieben Jungvögel diesen Ort und setzten ihr zuvor gezeigtes Verhalten fort.

Kann die Vogelfotografie der Wissenschaft nutzen? (c) Jörg Asmus

7 junge Zaunkönige im Göljån-Tal, Mittelschweden. Etwa 45 Minuten hielten sich die Jungvögel unter einem Baumstamm auf und ruhten zumeist.

In diesem Zusammenhang muss vielleicht erwähnt werden, dass nach meinen Beobachtungen keiner der Elterntiere den Nachwuchs an diese Stelle unter dem Baum gelockt hat. Es hat sich auch nicht um das verlassene Nest gehandelt und aufgrund der vorherrschenden Außentemperaturen (9 °C) war nicht zu vermuten, dass sich die jungen Zaunkönige zum gegenseitigen Wärmen zusammengefunden hatten. Aus Berichten habe ich entnommen, dass sich Zaunkönige mit dem Einsetzen erster Fröste während der Nachtzeit zu Schlafgemeinschaften zusammenfinden. Dabei kann es durchaus vorkommen, dass sich bis zu 20 Individuen in einem alten Nest oder Nistkasten versammeln, um sich gegenseitig zu wärmen und so die kalten Winternächte zu verbringen. Über das hier beschriebene Verhalten junger Zaunkönige habe ich in der mir zugänglichen Literatur keine weiterführenden Hinweise finden können.

Kann die Vogelfotografie der Wissenschaft nutzen? (c) Jörg Asmus

 Zwischenzeitlich wurden die jungen Zaunkönige von den Eltern gefüttert.

Über Jörg Asmus…

Jörg wurde 1966 in Havelberg geboren. Er hat bisher 6 Bücher und zahlreiche Fachbeiträge zum Thema Ornithologie veröffentlicht. Jörg war Initiator und Mitinitiator von internationalen Erhaltungszuchtprojekten und ist seit 2013 eingeladenes Mitglied der „IUCN Species Survival Commission (SSC) Red List Authority“, die sich um die ständige Aktualisierung der bekannten Roten Liste bemüht. Des Weiteren ist er Mitglied der „IUCN Species Survival Commission (SSC) Europe“. In naturhistorischen Sammlungen hat er phänotypische Merkmalsvariationen und die Abgrenzbarkeit der jeweiligen Vogelgruppen studiert und darüber publiziert.

Für seine Arbeiten auf diesem Gebiet wurde er mehrfach ausgezeichnet, u.a. 2015 mit dem Maria-Koepcke-Preis der „Deutschen Ornithologen-Gesellschaft (DO-G)“. Seit 2015 wandte er sich verstärkt der Wildlife-Fotografie zu, wobei sein Hauptinteresse seitdem auf die Avifauna Nordeuropas ausgerichtet ist. Mit seinen fotografischen Arbeiten nimmt er seit 2022 wiederholt erfolgreich an internationalen Fotowettbewerben teil und erhielt für eine Vielzahl seiner Fotos diverse Preise. Einige seiner Arbeiten wurden bereits in mehreren Ausstellungen bzw. Kunstgalerien präsentiert, so in Deutschland, Frankreich, Norwegen und Schweden.

Porträt Jörg Asmus

Zahlreiche weitere Bilder von Jörg gibt es auf seiner Homepage www.bird-photography.de zu sehen.

Hier geht es zu seinem Facebook-Profil.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert