(c) Björn Nehrhoff von Holderberg

Objektive für die Waldfotografie

Gastbeitrag von Björn Nehrhoff von Holderberg

Leseprobe aus dem Buch „Outdoor-Fotografie“, veröffentlicht im dpunkt.verlag

Teleobjektive

Das 70–200-mm-Objektiv gilt als das Lieblingsobjektiv vieler Menschen, die sich intensiv der Waldfotografie widmen. Es bietet den großen Vorteil, dass du Dinge, die stören, einfach weglassen kannst, weil du nur einen kleinen Ausschnitt der Szenerie fotografierst. Somit hast du schon mal mehr als das halbe Chaos beseitigt.
Ein weiterer Grund ist, dass es dir mit der langen Brennweite auch deutlich leichter fallen wird, die hellen Flecken oder Löcher in Bereichen zu vermeiden, in denen im Kronendach der Himmel durchscheint. Da diese Stellen einen geringen Bildanteil haben, wird auf die Waldszene und nicht den Himmel belichtet. Das schafft ausgewogene »Waldhallen«, aber auch schnell helle Flecken zwischen den Kronen, welche die Bildharmonie beeinträchtigen.

(c) Björn Nehrhoff von Holderberg

Fast wie bestellt erschienen die beiden Rehe im Hasenglöckchenwald Hallerboos bei Brüssel plötzlich zwischen den Rotbuchenstämmen. Mit dem Teleobjektiv nutzte ich die Blüten im Vordergrund, um die Wirkung der lilablauen Blütenteppiche zu verstärken. (200 mm, f/4,5, 1/80 s, ISO 1.600)

Darüber hinaus vermeidest du mit längeren Brennweiten (z.B. Canon RF 70-20074.0 L IS USM) das Problem mit den stürzenden Linien (dazu folgt gleich mehr weiter unten). Als weiteres Plus wirken Szenen mit langen Brennweiten oft intimer und die Bäume massiver als auf Weitwinkelaufnahmen.
Mit der langen Brennweite suchst du im Wald nach Ausschnitten mit mehreren hintereinander liegenden Baumgruppen, um Tiefe in der Ausnahme zu generieren. Versuche, die Abstände der Bäume untereinander und zu den Rändern hin in eine räumliche Harmonie zu bringen. Kundschaftest du auch noch einen charaktervollen Stamm als Hauptmotiv aus, hast du ein schönes Rezept für dein erstes Waldfoto.

Topografie im Wald
Die Beschaffenheit des Geländes spielt eine wesentliche Rolle bei der Waldfotografie, denn in einer hügeligen Landschaft ist es deutlich einfacher, Bildausschnitte ohne Himmelsanteil zu finden, indem du einfach einen Hügel hinaufgehst und nach unten fotografierst oder das Objektiv gegen einen Hang richtest. In einem Flachlandwald in der Ebene fällt das deutlich schwerer, und der Winkel, den man in diesem Fall nutzen kann, ist auch kleiner.

Weitwinkelobjektive

Starke Weitwinkelobjektive mit Brennweiten unter 20 mm haben neben den bereits erwähnten Verzeichnungen am Bildrand eine weitere Schwäche. Besonders dann, wenn man die Kamera tief am Waldboden platziert, um einen schönen Vordergrund ins Bild zu bekommen, kommt es zu sogenannten »stürzenden Linien«, bei denen die Bäume im Bild nach hinten zu kippen scheinen.
Dieses Phänomen ist dir vielleicht schon mal beim Fotografieren von Gebäuden aufgefallen. Wenn du hier die Kamera leicht anwinkelst, um das ganze Gebäude auf’s Bild zu bekommen, scheint es auf dem Foto ebenfalls nach hinten zu kippen. Für das bloße Auge ist dieser Effekt kaum sichtbar, bei einem anderen Motiv hingegen schon: bei langen, geraden Straßen. Auf dem unten gezeigten Bild von der Zufahrtsstraße zum Monument Valley siehst du dieses Phänomen anhand der zwei Linien in der Mitte, die am Horizont zu einer Linie zusammenzulaufen scheinen, und ebenso an den Rändern der schmaler werdenden Straße. Das gehört zu unserer visuellen Erfahrung und wird von uns akzeptiert.

(c) Björn Nehrhoff von Holderberg

Eigentlich parallele Linien scheinen in der Entfernung zusammenzulaufen. Bei Straßen, wie der zum Monument Valley in den USA (oben), kennen wir dieses Phänomen aus unserer Seherfahrung – bei Gebäuden, wie bei dieser verlassenen Ziegelei im Süden Englands (unten), jedoch nicht. Der Grund: Vor Ort wird es von unserer Wahrnehmung korrigiert. Nur auf Bildern zeigt es sich als »stürzende Linien«.

Auf dem Bild einer verlassenen Ziegelei im Süden Englands hingegen (s.u.) sieht es zum Beispiel so aus, als würde der Schornstein gleich umfallen.
Je weitwinkliger das Objektiv ist, je weiter am Rand sich das Motiv befindet und je mehr du das Objektiv nach oben neigst, desto stärker ist dieses Phänomen im Bild ausgeprägt.

(c) Björn Nehrhoff von Holderberg

Bildbearbeitungsprogramme verfügen über verschiedene Funktionen, um stürzende Linien zu korrigieren, aber all diesen Korrekturmöglichkeiten ist eines gemeinsam: Sie kosten Bildanteile.

Auf dem Bild links erwecken die stürzenden Linien den Eindruck, als würde der tote Baum links gleich umkippen. Die Trapezkorrektur behebt das durch eine Verzeichnung des Bildes, die aber nun zu freien Stellen an den Bildrändern führt

Die beiden obigen Bilder zeigen den Zustand vor (links) und nach (rechts) der Korrektur. Durch das Geradeziehen des Baumstamms hat sich das ursprüngliche Rechteck der Bildfläche in ein Trapez verwandelt, aus dem du durch Beschneiden wieder ein Rechteck machen musst. Mit dieser Technik verlierst du also links und rechts Bildinformationen, die du bestimmt gern behalten hättest. Im Beispielbild ist nach der Korrektur zwar alles einigermaßen gerade, aber es ist nur noch ein Quadrat nutzbar. Ist dir das vor dem Drücken auf den Auslöser bewusst, kannst du vorab einen größeren Ausschnitt fotografieren, als du eigentlich am Ende nutzen möchtest. Du planst also Beschnitt vorab mit ein. Da am Ende die nutzbaren Pixel weniger sind, verlierst du so allerdings etwas an Bildqualität.

Stürzende Linien schon bei der Aufnahme vermeiden
Eine der elegantesten, aber auch teuersten und zugleich anspruchsvollsten Möglichkeiten, um stürzende Linien zu vermeiden, besteht darin, ein sogenanntes Tilt-Shift-Objektiv zu verwenden. Dies erlaubt die perspektivische Korrektur direkt bei der Aufnahme. Tilt-Shift-Objektive gibt es (fast) nur mit festen Brennweiten und sie haben keinen Autofokus. Du arbeitest also mit einer Fokussierhilfe wie dem Fokus-Peaking oder den Schärfentiefe-Markierungen am Blendenring des Objektivs. Der Einsatz eines Tilt-Shift-Objektivs erfordert viel Übung.

(c) Björn Nehrhoff von Holderberg

Bei nicht ganz so weitwinkligen Objektiven sind stürzende Linien nicht so ausgeprägt und stören deshalb nicht den Bildeindruck. (20 mm, f/5, 1/25 s, ISO 800)

Wenn du im Weitwinkelbereich über 20 mm arbeitest, fällt der Effekt der stürzenden Linien deutlich milder aus und du kannst schöne Bildwirkungen auch mit leicht »schiefen« Bäume erzielen, ohne sie preußisch genau in der Nachbearbeitung parallel auszurichten zu müssen.
Aber: Trotz aller Komplexität und Schwierigkeiten, die der Einsatz eines Weitwinkelobjektivs im Wald mit sich bringen kann, lassen sich mit ihm wunderschöne Bilder zaubern. Beim Durchforsten meiner eigenen Waldaufnahmen ist mir bewusst geworden, dass ich es sogar häufiger dort einsetze als das Tele und dass meine liebsten Waldbilder fast alle mit dem 10–24-mm-Objektiv entstanden sind.
Ein Beispiel dafür ist das Bild mit dem »Hasenglöckchenhimmel« unten. Hier ist eigentlich alles »falsch«: Die Kamera (eine Actionkamera, mit einer DSLR oder gar DSLM wäre das Bild aufgrund ihres größeren Gehäuses so nicht machbar gewesen) liegt extrem tief in den Blumen und ist in den Himmel gerichtet – daher findet sich auch sehr viel vom »störenden« Himmel im Bild. Es gibt weder Nebel noch tolles Abendlicht.

(c) Björn Nehrhoff von Holderberg

15 mm, f/2,5, 1/950 s, ISO 289

Allerdings glaube ich, dass in diesem Fall der mittige Hauptbaum zusammen mit den harmonisch verteilten Blumen und Stämmen in Kombination mit den stürzenden Linien von oben und von unten, die sich in der Bildmitte treffen, eine sehr ästhetische Balance erzeugen. Eine Möglichkeit, die stürzenden Linien so abzubilden, dass sie visuell nicht störend wirken, ist es also, das Hauptmotiv in die Bildmitte zu nehmen und so zu fotografieren, dass von den Nebenbäumen nurmehr die Kronen im Bild erscheinen. So gibt es keine längeren parallelen Linien im Randbereich des Bildes. Das funktioniert bei den 90 Meter hohen Sequoia-Bäumen ebenso wie bei dem Rotbuchenpärchen das von einem dritten Stamm getrennt wird.

15 mm, f/13, 1/6 s, ISO 1.600

Um auch mit den Lichtflecken in den Kronen umgehen zu lernen, gibt es zwei Wege. Der erste ist, sie zu akzeptieren und möglichst gleichmäßig zu verteilen. Zweitens könntest du Nebeltage abwarten, die den Effekt abmildern und wie eine große Softbox die Spitzlichter in den Baumkronen streuen.

(c) Björn Nehrhoff von Holderberg

Richtest du dein Weitwinkelobjektiv im Wald direkt nach oben, ist es oft hilfreich, wenn das dominante Motiv sich in der Mitte befindet.
(16 mm, f/4,5, 1/30 s, ISO 1.600
)

Über Björn Nehrhoff von Holderberg

(c) Karin Sass

Björn Nehrhoff von Holderberg ist Outdoor-, Abenteuer- und Landschaftsfotograf. Seine Bilder erschienen bisher in über 100 Ausgaben bekannter Fachzeitschriften, wurden in Anzeigen für große Marken wie Globetrotter und Hilleberg verwendet und international vielfach ausgezeichnet. Er hat 13 Bücher über Outdoor-Sportarten und Abenteuerdestinationen geschrieben, die meisten davon in deutscher Sprache. Seine Motive findet er in ganz Europa und in Übersee.

Weitere Bilder von Björn: https://www.bnvh-arts.com/

Bild: Katrin Sass

Hier geht es zum Buch:

Björn Nehrhoff von Holderberg

Outdoor-Fotografie

376 Seiten, Hardcover, in Farbe, 39,90 €

ISBN 978-3-98889-046-7

https://dpunkt.de/produkt/outdoor-fotografie/

Outdoor-Fotografie - Björn Nehrhoff von Holderberg

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