Ein Gastbeitrag von Jasmin Drescher
Bei herbstlich-kühlen Temperaturen, wenn wir Menschen es uns gerne auf dem Sofa gemütlich machen, scheinen bestimmte Tiere noch nicht einmal ans ChilIen zu denken. In dem kleinen Mischwald in Tirol, den ich Anfang Oktober besuchte, sprangen Eichhörnchen quirlig hin und her: Sie verbuddelten Nüsse zwischen grünlich bemoosten Stämmen – mal im Schatten, mal dort, wo die durch Tannenzweige durchschimmernde Sonne ein wenig Licht hingetupft hatte – kletterten zum Vogelhaus, um neugierig nachzusehen, ob bereits Futter aufgefüllt wurde, und sprinteten zwischenzeitlich im Turbotempo wieder in die Kronen der hohen Bäume zurück. Ihr Ziel: Vorräte für den kommenden kalten Winter in den Bergen anzulegen – und mögliche Beobachter über den wahren Aufbewahrungsort dieser Vorräte zu täuschen.
Das Wechselspiel von Licht und Schatten im Wald schafft eine märchenhafte Atmosphäre – stellt bei Eichhörnchen, die sich blitzschnell bewegen, allerdings auch eine fotografische Herausforderung dar.
Mein Ziel: Ein wenig kostbare Zeit mit den scheuen Waldbewohnern zu verbringen – und besondere Momente fotografisch einzufangen. So scheu, wie ich Eichhörnchen aus anderen Habitaten kenne, zeigten sie sich hier allerdings nicht. Im Gegenteil: Da der Wald ein beliebtes Ziel von Touristen ist, die gerne Wal- und Haselnüsse, Sonnenblumenkerne sowie leider auch wenig geeignetes „Futter“ für die kleinen Kobolde auf Baumstümpfen oder Parkbänken verteilen, hatten einige Exemplare die Scheu vor Menschen weitgehend verloren. Manche liefen sogar nach anfänglichem Zögern auf Kinder zu, um Nüsse direkt aus deren Händen entgegenzunehmen – was niedlich und zutraulich wirkt, aber durchaus kritisch zu sehen ist.
Ein neugieriger Blick vom Baum – und zack, schon ist das Hörnchen auf dem moosigen Waldboden gelandet. Die Walnuss wird in den Pfoten gewendet und auf diese Weise begutachtet, bevor sie schließlich versteckt wird.
Über die Problematik des Fütterns von Wildtieren ließe sich ein eigener Beitrag schreiben – hier sei nur kurz, aber nachdrücklich angemerkt: gut gemeint ist nicht immer gut gemacht. Die Tiere können den Impuls verlieren, selbst nach Nahrung zu suchen, durch mangelnde Vorsicht in Gefahr geraten und sich durch ungeeignetes Futter wie Erdnüsse, Paranüsse oder geröstete und gesalzene Nüsse erhebliche Beschwerden und Mangelerscheinungen zuziehen. Langfristig können Ökosysteme Schaden nehmen, wenn sich eine Population übermäßig stark vermehrt.
Ein zutrauliches Eichhörnchen lässt sich füttern – was niedlich aussieht, kann problematisch sein. Daneben Spuren des Waldes, Spuren von Menschen – ein leicht angeknabberter Tannenzapfen und, leider, Schalen von Erdnüssen – letztere sind für Eichhörnchen ungeeignet.
Doch der Wald erzählt auch andere Geschichten – von Anpassung, Einfallsreichtum und Überleben. Dass manche Hörnchen in diesem Wald nicht vergessen haben, wie sie sich selbst Nahrung beschaffen, konnte ich beobachten, als ein rot-braunes Tier einen beachtlich großen Pilz ins Maul nahm und damit hoch auf eine Fichte raste. Oben angekommen, mümmelte es für Sekundenbruchteile an dem Schirm des Pilzes, um ihn dann zwischen Tannenzweigen aufzuhängen – zum Trocknen für den Wintervorrat, wie ich erst tags zuvor staunend gelesen hatte. Gleich darauf Zeuge eines solchen Moments zu werden, brachte mich zum Schmunzeln. Noch mehr lachte ich, als kurz darauf ein zweites Eichhörnchen auf der gleichen Fichte aufkreuzte, den Pilz in Augenschein nahm und kurzerhand beschloss, ihn für sich zu reklamieren – die Konkurrenz schläft nicht im Eichhörnchenwald in Tirol!


Ein Eichhörnchen beobachtet scharf, wo ein Artgenosse seine Nüsse versteckt. Auch der Eichelhäher passt genau auf – um später aus dem Waldboden die mühsam angelegten Vorräte wieder herauszupicken.
Die unfassbare Geschwindigkeit der Hörnchen sollte mich vor die größte Herausforderung stellen – nach den sich ständig ändernden Licht- und Schattenverhältnissen im Wald. Dafür hatte ich aufgerüstet: War ich als Fotografie-Anfängerin bislang mit einer schon etwas älteren, aber soliden Panasonic Lumix G81 unterwegs gewesen, hatte ich mir für die Tage im Eichhörnchenwald eine OM-1 Mark II ausgeliehen. Zusammen mit meinem Panasonic Leica DG Vario-Elmar-Objektiv mit einer Brennweite von 200-400 mm (was einer Brennweite von 400-800 mm im Kleinbildformat entspricht), war ich zuversichtlich, ein geeignetes Set-Up für mein Vorhaben gewählt zu haben.
Mir war klar, dass ich bei den Verschlusszeiten wenig Spielraum hatte, wenn ich Bewegungsunschärfe vermeiden wollte – also nahm ich in Kauf, bei schwierigen Lichtverhältnissen mit der ISO teils auf 10 000 oder sogar 12 800 hochzugehen. Mein Workflow sah ohnehin vor, die Bilder später mittels Topaz AI zu entrauschen. Ich war sehr angetan, wie gut die OM-1 Mark II mit der hohen ISO zurechtkam. Mein persönlicher Sweet Spot lag letztlich bei einer ISO von maximal 5000. Auch die hohen Serienbildraten waren hilfreich und führten dazu, dass ich ein paar witzige Momente einfangen konnte, die mir mit einer in dieser Hinsicht weniger performanten Kamera höchstwahrscheinlich entgangen wären. Bei der Bildstabilisierung vertraute ich bei geringeren Brennweiten auf die Kamera, bei hohen allerdings auf das Objektiv.

Die Mission des Eichhörnchens: Nuss geschnappt – und ab durch die Mitte.
Als ich am letzten Tag nochmals „meinen“ Wald durchstreifte, erkannte ich ein Eichhörnchen wieder, das ich bereits zuvor beobachtet und „Pancho“ getauft hatte. Es hatte allerdings kaum Augen für mich, so beschäftigt war es, Nüsse zu verstecken – und auch, dieses Verstecken anzutäuschen, um seine Artgenossen zu verwirren. Mit der Zeit hatte ich gelernt, welche Pfotenbewegung das eigentliche Vergraben verriet – und welches nur der Täuschung von Artgenossen oder Vögeln diente. Einen kurzen Moment hielt es schließlich inne, richtete sich auf und hielt sich die Pfoten vor den weißen Bauch. Es war, als sage Pancho auf Wiedersehen. Ein besonders berührender Moment eines unvergesslichen Aufenthalts: Ich war gekommen, um Eichhörnchen zu fotografieren, und ging mit noch mehr Liebe zu allen Geschöpfen des Waldes – und einem geschärften Bewusstsein dafür, wie verletzlich sie sind.

Abschied von den kleinen Kobolden – dieses besonders hübsche Exemplar, das ich „Pancho“ genannt hatte, hielt einen Moment inne.
Mein Name ist Jasmin Drescher. Meine Fotos und Geschichten erzählen von der fragilen Verbindung zwischen Mensch und Natur. Sie erinnern uns daran, dass wir nicht außerhalb der Natur stehen, sondern Teil von ihr sind – verletzlich, abhängig, eingebettet – und dass unser eigener Fortbestand vom Respekt gegenüber dieser Verbundenheit abhängt.
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Vielen Dank für diesen wunderschön geschriebenen Artikel und die schönen Einblicke in das Leben der Eichhörnchen!
Mich beeindruckt immer wieder, was “die Natur” so alles bauen kann – die kleinen Pfoten und Krallen, die es dem Eichhörnchen ermöglichen von Ast zu Ast zu springen und senkrechte Baumstämme hoch und runter zu klettern. Großartig. Es braucht aber so tolle Bilder, wie diese, damit wir in der Lage sind diese Details wahrzunehmen. Danke für diesen schönen Einblick in des Eichhörnchens Leben.