Tischlein deck dich

Wer als Vogel auf Fisch steht, hatte es für einige Wochen im Anklammer Stadtbruch gut getroffen. Dort trocknete ein Gewässer langsam aber stetig aus und und bot so Futter im Überfluss an.Es gibt ja nicht wenige Zeitgenossen, die es ablehnen, Tiere zu vermenschlichen. Gewiss kann das auch zuweilen eigenartige Blüten treiben. Es kann aber auch durchaus erhellend und augenöffnend sein, Tiere und ihre Lebenssituation einmal in eine den menschlichen Lebensumständen durchaus ähnliche Perspektive zu rücken. Das kann dazu beitragen, das Tier als Individuum und Lebewesen wahrzunehmen. Mit all seinen Bedürfnissen, die es nunmal nur in der Natur finden kann. Daher mag man mir nachsehen, dass ich sofort an das Märchen vom Tischlein deck dich denken musste, als ich auf das Treiben am austrocknenden Teich hier am Rande des Anklammer Stadtbruchs blickte. Oder an das Schlaraffenland, von dem die Menschheit sich seit Ewigkeiten erzählt. Für wildlebende Tiere, die da draußen tagtäglich für ihr Überleben sorgen müssen, hat so ein gedeckter Tisch folgerichtig eine hohe Anziehungskraft. Denn natürlich ist es für alle Lebewesen interessant, möglichst guten Ertrag bei möglichst wenig Aufwand zu erzielen.

Die Vögel hatten sich an die Menschen auf der Straße erstaunlich gut gewöhnt. Man kann daran erkennen, dass wir uns nur vernünftig verhalten bräuchten, um Naturerlebnisse möglich zu machen.
Wie sonst vielleicht Krähen saßen die Seeadler Truppweise in den Bäumen.
Hat was von Pantanal…

Während unsereins die Werbeflyer nach Angeboten der Discounter absucht und dann wie Herr Lose in „Papa ante portas“ zuschlägt, als gäbs kein Morgen, so müssen Tiere ihre Umgebung und Mitbewohner im Blick haben, um ganz besondere Angebote nicht zu verpassen. Spannend erscheint mir dabei die Frage, wie genau die das machen. Wie bekommen Seeadler aus dem gesamten Ostseeraum mit, dass gerade hier, dieser recht kleine Teich, just in dieser Zeit, ein derart gutes Nahrungsangebot für sie bereit hält?

Auch etliche andere Vögel kamen natürlich hierher. Für jeden war was dabei, der seine Nahrung im Wasser zu finden weiß.
Ab und an machten sich die Adler einen Spaß daraus, recht dicht an die Reihertrupps heran zu fliegen. Und diese trauten den Adlern scheinbar nicht immer über den Weg.

Ich hatte schon vor Wochen davon gehört, dass sich das Schauspiel hier anbahnt, aber keine rechte Gelegeneit gehabt, herzukommen. Nun bin ich eindeutig zu spät, da das Wasser schon fast komplett verschwunden und damit einhergehend das Futterangebot so langsam abgeschöpft ist. Dennoch befinden sich in den Bäumen gegenüber an diesem Morgen 234 Seeadler. Auf einer Strecke von vielleicht einem Kilometer. Ich stehe dabei auf der Straße, die zum Aussichtsturm des Anklammer Stadtbruchs führt. Ein Fernsehbeitrag über das Adlermeeting hier hat mich letztlich bewogen, doch herzukommen. Da Fernsehen nunmal eine große Reichweite hat, bin ich aber nicht der einzige Fotograf bzw. Interessierte hier vor Ort.

Wenn die Vögel nicht dicht genug für ein „Flugporträt“ heran kommen, bleibt immer noch das Wischerbild.
Nur einmal spielte das Licht am Morgen mit. Wie schön muss das vor einer Woche gewesen sein, als das Wasser höher stand und die Vögel dichter an der Straße waren?

Es ist sicherlich schön zu sehen, dass sich Menschen für das Geschehen hier interessieren. Derart wertvolle Gebiete wie der Anklammer Stadtbruch benötigen das öffentliche Interesse durchaus, wenn sie dauerhaft bewahrt werden sollen. Aber man kann auch die Kehrseite der Medaille durchaus beobachten. Obwohl ein ausreichend großer Parkplatz am Ausichtsturm zur Verfügung steht, parken nicht wenige, um nicht zu sagen die meisten, direkt auf und neben der Straße. Zum Teil, um sich Fußweg zu sparen, zum Teil aber auch, um das Auto als erhöhten Kamerastandpunkt nutzen zu können. Denn Schilf verwehrt größtenteils den Einblick. Man muss sich von der Straße aus durchaus ein „Sichtfenster“ im Schilf suchen. Für die Anwohner der Region, die soviele Menschen auf einmal gar nicht gewohnt sind, und für den Naturschutz, der aus ähnlichen Gründen etwas sensibel auf den Massenauflauf blickte, war das Anlass, zumindest mal über Einschränkungen zu debattieren. Das hätten sich die Naturfotografen aber auch denken können. Es fiel letztlich nichts wirklich gravierendes vor, dennoch blieb der Naturfotograf wieder einmal mehr als ein in Massen auftretender potentieller Störenfried in Erinnerung.

Nach einiger Zeit fand ich es reizvoll, das vermeintlich störende Schilf in die Bilder mit einzubauen. Und auch die Distanz zu den Vögeln fand ich schnell nicht mehr nur nachteilig.

Da hilft nur, sich vor Ort ordentlich zu verhalten. Langfristig aber wird es notwendig sein, die Naturfotografie in der Öffentlichkeit bekannter zu machen und die positiven Aspekte für Naturschutz, Naturkunde und Tourismus hervorzuheben. Gleichwohl muss man sich aber auch in den eigenen Reihen gegenseitig disziplinieren und informieren.

Auch andere opportunistisch eingestellte Gesellen gaben sich hier die Ehre.
Kurzzeitig fanden sich auch Kraniche ein, um in dem flachen Wasser zu nächtigen.
Etliche Reiher schliefen auf den toten Bäumen der Umgebung und waren ebenfalls ein nettes Motiv am frühen Morgen.

Die Adler haben das Gebiet inzwischen wieder verlassen. Der Teich ist trocken, der Fisch weg. Sie haben sich wieder verteilt und gehen ihrem Nahrungserwerb an anderer Stelle nach. Es bleibt zu hoffen, das ein ordentlicher Wintersturm wieder Wasser in den Bruch treibt und den Teich auffüllt. Vielleicht wird es dann ein solches Schauspiel irgendwann wieder einmal geben. Aber bitte nicht gleich im nächsten Jahr. Denn auch wenn die Wetterlage den Adlern nutzte und uns ein tolles Erlebniss einbrachte, wäre ein identischer Sommer wie der letzte einfach nur … sagen wir mal unglücklich.

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