Zuviel Nähe?

Zeigen unsere Mitgeschöpfe keine panische und damit angemessene Angst vor uns, attestiert ihnen eine breite Öffentlichkeit mit Unterstützung mancher Medien unnatürliches Verhalten. Ist es da richtig, dass in zeitgenössischen Naturfotos die Tiere immer kleiner werden?

Das in derzeit angesagten Fotografien Tiere gerne mal in ihrem Lebensraum dargestellt werden, kommt mir entgegen. Es macht mir Spaß. Lichter, Reflexionen und landschaftliche Elemente fliessen in solche Tierfotos mit ein und machen sie gestalterisch anspruchsvoll. Und ich muss den Tieren nicht auf die Pelle rücken. Rücken ist auch in anderer Hinsicht ein Stichwort, denn man kommt – theoretisch – auch ohne lange Brennweiten aus. Aber wie sagte schon Frank Brehe mal zu mir auf die Frage, warum seine Tiere oftmals immer noch recht klein im Bild zu sehen sind, obwohl er doch jetzt ein 500mm Objektiv sein Eigen nennt: „Naja, damit kann ich sie halt von weiter weg in der Landschaft und eben klein fotografieren“. Wo genau darin der Reiz liegt, würde ich gerne zu einem anderen Zeitpunkt an dieser Stelle darzustellen versuchen. Heute geht es mir darum, was der Verlust von Nähe vielleicht bewirken kann.

Seeadler auf Baum. So wie sie die meisten Menschen halt erleben.
Silberreiher

Natürlich werden Tiere immer noch überwiegend formatfüllend abgelichtet. Oftmals sogar wird das Bildformat fast gesprengt, so nah kommt das Motiv dem Bildrahmen an allen vier Seiten. Auf Instagram etwa fallen andere Bilder auch kaum auf und haben es schwer, sich gegen Porträts und formatfüllende Actionkracher zu behaupten. Man merkt, das Naturfotografen und Naturgucker der Sache gerne mal nah kommen.

Jedoch: bei nicht-naturaffinen Menschen erzeugen Tiere, die wenig Scheu zeigen, oftmals Unbehagen. Das ist auch gar nicht so erstaunlich. Denn Kontakt mit Nicht-Haustierarten auf kurze Distanz haben Menschen zumeist nur im Zoo oder Wildpark. Und da ist immer ein schützender Wassergraben, Starkstromzaun, Gitter oder Panzerglas dazwischen. Man kann sich sicher und erhaben fühle, denn man ist ja nicht der Eingesperrte. (Wohlgemerkt, damit möchte ich keineswegs die Einrichtungen anklagen, die oftmals eine sehr wichtige Rolle im Artenschutz spielen.)

Habichtskauz im Gehege

In der Natur sieht das meist anders aus. Die heimischen Säugetierarten sind überwiegend dämmerungs – und nachtaktiv, was bewirkt, dass die wenigsten Menschen ihnen überhaupt einmal begegnen. Und wenn es doch dazu kommt, nehmen sie natürlich reissaus. Also, die Tiere. Ähnlich verhalten sich auch Vögel. Sie fliegen halt weg, wenn man auftaucht.

Waldkauz im Park. Lässig, aber auch in sicherer Höhe.

Die meisten Menschen erleben Tiere also selten, aus Distanz und flüchtig. Letzteres bezieht sich dabei sowohl auf das an den Tag gelegte tierische Verhalten als auch auf die investierte Zeit seitens des Menschen.

So ist es recht

Da kommt es schon mal zu seltsamen Vorstellungen und Erlebnissen. So auf dem Darss, wo ein Kutscher gegenüber den Fahrgästen seinen Unmut darüber zum Besten gab, dass die Tiere im Nationalpark gar nicht mehr scheu seien und dass alles nur unnatürlich sei. Das fiel zumindet während der Fahrt, bei der ich zugegen war, auf fruchtbaren Boden, sodass ein älterer Herr entsetzt fragte, wo das denn noch hinführen soll. „In 10 Jahren übernehmen die Hirsche die Weltherrschaft, ganz heimlich, und dann gnade uns allen Gott“ polterte ich los und nur der strenge Blck meiner Mutter, die ich auf diese Fototour mitgenommen hatte, bewahrte uns alle vor größerem Ungemach. Die anschließende Stille war aber auch ein Erfolg.

Fuchs sucht nach verwertbaren Hinterlassenschaften der Strandbesucher

Wenn es nicht auch irgendwo traurig wäre, könnte man sich über folgende Begebenheit die Schenkel wundklopfen. In der wundervollen Rubrik „Pottperlen“, natürlich, eines auflagenstarken, aber Umfragen zu Folge kaum gelesenen Boulevardblatts erfuhr ich vor einigen Wochen, dass irgendwo im Osten meiner Ruhrgebietsheimat Passanten und Hundegassibegleiter ein gruseliges Erlebnis hatten. Wo genau hab ich vergessen, aber nicht den Vorfall. Da stand nämlich ein Fuchs auf dem Bürgersteig und – sie ahnen es vielleicht schon – rannte nicht weg. In der Tat gruselig. An die Wassergräben nach Amsterdam fahren auch nur Naturfotografen, die dem Grauen, das von zutraulichen Füchsen ausgeht, standhalten können. Das ist nur was für die ganz harten. Wie dem auch sei, damit ja nicht genug. Der Fuchs lief auch nicht weg, als man in die Hände klaschte und die Hunde bellten. Also rief man die Polizei herbei, die dann feststellte, dass der Fuchs ausgestopft war. Da hat sich einer wohl einen Spaß erlauben wollen. Schade nur, dass das gleich wieder, wenn auch etwas augenzwinkernd als Horrormeldung herhalten musste und den beteiligten Personen wohl tatsächlich Angst machte, denn sonst hätten sie ja nicht die Polizei gerufen. Mir macht Angst, dass Menschen so schlecht beobachten, dass sie nicht feststellen können, dass ein Tier sich in den 5 bis 15 Minuten bis zum Eintreffen der Ordungskräfte nicht nur nicht fortbewegt, sondern gar nicht! Was ist denn da los? Und von den anwesenden Hunden will ich erst gar nicht sprechen.

Der war zum Glück nicht ausgestopft

Auf die Spitze wird die Thematik natürlich beim Wolf getrieben. Zieht einer des Nächtens am Ortsrand vorbei oder lässt sich mal bei Tage blicken, muss er natürlich ein Problemwolf sein. Statt auf naturkundliche Erfahrungen oder gar Wissen greifen viele Menschen immer noch auf Rotkäppchen zurück und haben dieses oftmals selber viel zu oft intus.

Schon dieser schiefe Blick…

Egal ob Wolf, Wildschwein oder Uhu. Tiere sind uns nicht geheuer, wenn sie wenig Scheu an den Tag legen. So ein Verhalten wird sehr oft als unnatürlich ausgelegt. Und das ist grundlegend verkehrt.

Von Natur wegen haben Tiere durchaus eine gewisse Achtsamkeit, aber keine ausgeprägte Scheu. Das kann man sehr gut in jeder Samstagabend- Doku aus der Serengeti beobachten. Zieht der Löwe an den Zebras vorbei, begutachten sie diesen aus einiger Entfernung sehr genau und schätzen ihn ein. Tottet er dann mit gut gewölbtem Bauch daher, bleiben sie aufmerksam, aber werden nicht panisch. Wozu auch. Schleicht er aber mit angespannter Muskulatur durchs Gras, ertönt der Warnruf und die Herde nimmt Reissaus. Ich habe das sogar mal in einem Wildgehege erlebt, wo das Hirschrudel ruhig im Teich stand, obwohl gerade Kinder recht lärmend an der Stelle spielten. Als ich mich mit dem Fotoapparat im Anschlag anpirschte, richteten die Hirsche die Ohren auf und die Blicke auf mich. Im nächsten Moment zogen sich die Tiere zügig in den hinteren Bereich ihrer Anlage zurück. Was war geschehen? Ganz einfach. Ich war angespannt, ich pirschte mich langsam heran und war leise. Das machen all die anderen Leute nicht. Also war ich erst einmal komisch. Und wer komisch daher kommt, dem weicht man aus. Tiere sind sehr wohl in der Lage, eine Begegnung und Situation ganz gut einzuschätzen. Und wenn keine Gefahr droht, warum dann fliehen? Das verbraucht Energie und birgt die Gefahr einer Verletzung.

Unsere heimischen Arten weisen noch heute oftmals und vielerorts eine übertriebene Scheu auf. Das ist kein natürliches Verhalten, sondern das genaue Gegenteil davon. Und das Ergebniss einer allzulangen übermäßigen und fortwährenden Bejagung für Mode, Freizeitspaß und Geltungssucht. Eben auch auf Arten, für deren Bejagung es keinen vernünftigen Grund gibt, anders als es sich etwa gegenwärtig beim Wildschwein darstellen mag. Aber warum musste man einst Silberreiher und heute noch Waldschnepfen schiessen? Ebenfalls negativ wirken sich Respektlosigkeit gegenüber Naturschutzgebieten und zu häufige Störungen an Brut – und Ruheplätzen durch Freizeitaktivitäten aus. Und als Folge davon, erleben Menschen Tiere entweder kaum oder bei unnatürlichem (Flucht)- Verhalten.

Käfer sind eher unverdächtig, wenn sie uns nah an sich heran lassen.

Was ist mit uns Fotografen? Auch wir sind von falscher Beurteilung der Natur und Tiere nicht unbedingt verschont geblieben. Ich kann mich noch erinnern, dass wir davon sprachen, man müsse nur den „Dummvogel“ finden, wenn man eine formatfüllende Aufnahme wollte. Anstatt sich zu freuen, einen geistig normalen Piepmatz anzutreffen, der vielleicht an seine Kids entspannteres Verhalten vermitteln könnte, wurde er diffamiert. Und auch heute haben nicht wenige Kollegen Vorbehalte, tierische Models wie etwa den Uhu Ewald auf gleichnamigen Zechengelände aufzusuchen, da sein entspannter Umgang mit den Besuchermassen letzlich doch auch als suspekt betrachtet wird. So ein Uhu gehört in die Felswand. Und schläft nicht vor 20 Zuschauern auf einem Stahlrohr. Auch wir sind da ein bißchen wie Pippi Langstrumpf, die da singt: „…ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt“. Und Naturfotografen haben nicht selten schon so ihre Idealvorstellungen. Dabei spielen Flairs und Lichter eine große Rolle. Und da kommen auch die Eingangs erwähnten Bilder ins Spiel. Sie geben unseren Vorstellungen von Kreativität und Ästhetik Raum. Aber rücken sie nicht das Tier auch ein wenig in die Ferne, bringen Distanz zwischen Betrachter und Motiv, Mensch und Tier?

Wenn wir Tieren nahe kommen wollen, betreiben wir eine Menge Aufwand. Wir sitzen in Tarnzelten, zahlen für Ansitzhütten und fahren an bestimmte Orte, um den einen „Dummvogel“ zu erwischen.

Murmeltiere am Groß Glockner
Cooler Turmfalke
Fische fangen ohne Tropfen ist wie Brötchen essen ohne krümmeln. Geht nicht. Sieht man aber nur aus der Nähe.

Auch wenn ich die Bilder mit den Flairs und den kleinen Tieren sehr mag, gibt es auch sehr gute Gründe für formatfüllende Bilder. Für Nähe. Denn Nähe lässt uns selber auch mehr erleben. Mehr sehen. Es gibt mehr zu hören und zu empfinden. Mehr Details, über die man berichten kann.

Christof Wermter bei den Grasfröschen.

Ende März ist das Tümpelwasser nicht gerade einladend temperiert. Aber was nimmt man ncht alles in Kauf. Jedoch, es lohnt sich auch. Weil die Bilder nicht einfach nur irgendwie besser werden, sondern weil sie so eine andere Wirkung entfalten können. Das folgende Grasfroschbild habe ich stehend auf- und dabei den klassischen Blick von oben herab eingenommen. Während eines Vortrags vor Publikum, dass nicht so sehr naturaffin zusammengesetzt war, war die Reaktion darauf entsprechend. „Ach wie glibberig“ war etwa eine Formulierung auf meine Anfrage in den Raum. Bei der darauffolgenden Aufnahme des Moorfoschpaares jedoch fiel die Reaktion anders aus. Man war erstaunt, dass die Blau sind. Und so schöne Augen haben. Jemand meinte sogar, ein Lächeln beim Männchen erkennen zu können. Wie auch immer, die Leute sahen auf einmal hin. Sie begegneten den Fröschen mehr auf Augenhöhe. Ob die Wirkung nachhaltig war, konnte ich nicht überprüfen. Aber immerhin.

Grasfrösche beim laichen
Moorfrösche, die das selbe tun

Vielleicht sollten wir überhaupt mehr zu unseren Bildern erzählen. Wie sie entstanden sind und wo. Damit meine ich nicht unbedingt technische Daten oder Koordinaten. Auch nicht ob es anstrengend und eisig kalt war. Ja gut, dass kann schon mal helfen, dass unser Tun cooler rüberkommt und damit Gehör erfährt. Aber wir können schon mehr über das Erlebnis sprechen. Von den Details im Gefieder. Von Stille und Geräuschen. Und von der Intimität eines Blickes in die Augen eines Mitgeschöpfes, dass sich von unserer Anwesenheit nicht stören lässt und sein Ding macht. Wir können mehr versuchen, den Menschen die Natur und die Tiere noch näher zu bringen. Wir können auch über unsere Bilder und Erzählungen zu erreichen versuchen, dass die Begegnung mit einem Fuchs als Erlebnis oder zumindest als Selbstverständlichkeit wahrgenommen wird. Aber nicht als gruselig. Dafür sollten in der Naturfotografie alle Bilder Wertschätzung erfahren, die geeignet sind, Menschen zu erreichen.

Der Kleine weiß, wo die Kamera ist
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