Herbst und Winter im Venn

Gesichter einer Landschaft – Ein Gastbeitrag von Michael J. Kochniss

Es gibt wohl unzählige beeindruckende Landschaften auf unserem Planeten. Sie sind gekennzeichnet durch ihre geographische Lage, ihre Morphologie, ihr Klima und ihre Tier- und Pflanzenwelt. Sie sprechen uns Naturfotografen an mit ihrer Farben- und Formensprache. Und manche von ihnen ziehen uns mit ihrer einzigartigen Atmosphäre in ihren Bann.

Als ich vor etwa zwei Jahren mein fotografisches Langzeitprojekt „Mystisches Venn“ in einem ausführlichen Beitrag im Magazin NaturFoto beschreiben durfte, war mir bereits klar, dass dies nicht der Abschluss dieses Projektes sein würde, übt doch dieses im deutsch-belgischen Grenzgebiet gelegene Hochmoor mit seiner mystischen Stimmung eine nie enden wollende Faszination auf mich aus.

Dies liegt sicher daran, dass das Hohe Venn wie kaum eine andere Landschaft sein Gesicht im Wandel der Jahreszeiten auf so beeindruckende Weise verändert und damit wie von selbst für eine große Vielfalt an fotografischen Motiven sorgt. Für mich sind es in ganz besonderem Maße Herbst und Winter, in der die mystische Atmosphäre dieser Landschaft ihren unverwechselbaren Reiz entfaltet.

MORNING LIGHT
16 mm, 0,3 s, f/18

Eingebettet in den Naturpark Hohes Venn – Eifel erstreckt sich das Hohe Venn über eine Fläche von etwa 600 km2 grenzübergreifend vom äußersten Westen Nordrhein-Westfalens über die wallonische Region bis Spa im Westen und Malmedy im Süden. Seine höchste Erhebung ist mit 694 ü. M. die Botrange, die zugleich auch der höchste Punkt Belgiens ist. Damit reicht das Hohe Venn von der nordwestlichen Eifel bis in die östlichen Ardennen – und zeigt gleichwohl einen vollkommen eigenen Charakter, der sich nicht nur im äußeren Erscheinungsbild deutlich von der Landschaft der Eifel und Ardennen unterscheidet. Auch klimatisch erweist sich das Hohe Venn als rauer, kühler und niederschlagsreicher als sein Umland und der Wind scheint hier ein ständiger Begleiter.

Es sind nicht nur diese nüchternen Eckdaten, die dem Naturfotografen eine gewisse Bereitschaft abverlangen, sich auf diese spezielle Landschaft einzulassen. Es sind auch die Rahmenbedingungen, die einerseits durch die Natur selbst, andererseits durch den Schutz eben dieser Natur vorgegeben sind. So bieten sich endlose Holzstege, die in einer karg wirkenden Landschaft bis zum Horizont reichen, für interessante Bildkompositionen und Blickführungen an. Sie definieren jedoch auch auf unmissverständlich klare Weise den Bewegungsspielraum des Fotografen, insbesondere in den als Naturschutzgebiet ausgewiesenen Bereichen, denn hier sind diese Wege keinesfalls zu verlassen. Und natürlich sollte es für jeden Naturfotografen eine absolute Selbstverständlichkeit sein, diese Regeln zu respektieren.

Nun könnte man diese Regeln als eine gewisse Einschränkung betrachten, oder aber als Herausforderung annehmen. Lässt man sich darauf ein und zeigt auch im Hinblick auf seine Motivgestaltung eine gewisse Bereitschaft zu Minimalismus, entwickelt sich beinahe von selbst die notwendige Kreativität, mit dieser Landschaft umzugehen. Eines sollte aber auch klar sein, und da unterscheidet sich das Hohe Venn von keiner anderen Landschaft dieser Welt: Man kann auch hier eine durchaus nennenswerte Anzahl an Stunden verbringen, ohne brauchbare, den eigenen Ansprüchen genügende fotografische Ergebnisse zu erzielen. Also auch hier alles eine Frage der Geduld.

EINSAM
360 mm, 1/1000 s, f/5.6

Wenn sich im beginnenden Herbst die weiten Grasflächen des Hochmoores in eine savannenartige Landschaft verwandeln, sind es die vielerorts einzeln stehenden Bäume, die zum fotografischen Minimalismus einladen. Vom ständigen Wind geformt, oft seit Jahrzehnten abgestorben, durchbrechen sie wie Skulpturen den Horizont und und stellen sich trotzig dem rauen Klima entgegen. Als Hauptmotiv isoliert, stehen sie damit auch beispielhaft für den besonderen Charakter dieser Landschaft.

VOM WIND GEFORMT
47 mm, 1/160 s, f/8

„Vom Wind geformt“ bedeutet allerdings auch, dass dieser im Hohen Venn allgegenwärtig erscheint, bisweilen auch in überdurchschnittlicher Stärke. Somit ist – gerade bei den hohen Brennweiten – ein stabiles Stativ durchaus von Vorteil.

Ein Ort, der mich von allen Gegenden im Hohen Venn vielleicht am stärksten in seinen Bann zieht, ist das Brackvenn. Hier wechseln sich teils ausgedehnte Wasserflächen mit farbintensivem Grasland ab, und dies bedeutet eine große Vielfalt an Motiven.

PERFEKTER BEGINN 16 mm, 1,3 s, f/20

Für die Wasserflächen im Brackvenn bieten sich Langzeitbelichtungen an. Hier sind es besonders die weiten Winkel, die für beeindruckende Landschaftsfotografien sorgen. Lange Belichtungszeiten glätten die Wasseroberfläche und intensivieren die Spiegelung; eine ruhige Wetterlage mit Windstille ist für derartige Aufnahmen durchaus von Vorteil. ND-Filter erleichtern zudem die Arbeit.

PERFECT MIRROR
16 mm, 3,2 s, f/20

Große Wasserflächen erhöhen aber auch die Wahrscheinlichkeit für Bodennebel in den frühen Morgenstunden. Dies ist besonders nach den ersten kalten Herbstnächten der Fall. Wenn zur blauen Stunde vor Sonnenaufgang das Brackvenn im dichten Nebel liegt und sich mit der aufgehenden Sonne minütlich wechselnde Lichtsituationen und Stimmungen ergeben, erfüllt eine unvergleichliche Atmosphäre die gesamte Landschaft.

MISTY MORNING
50 mm, 2 s, f/16
EIN HAUCH VON HERBST
400 mm, 1/60 s, f/5.6

Etwas später im Jahr verwandelt der erste Frost den Nebel in Raureif, der für besondere Akzente sorgt. Aufgrund der klimatischen Bedingungen ist die Wahrscheinlichkeit für Raureif im Hohen Venn ungleich höher als in anderen Gegenden. Frühaufsteher werden mit faszinierenden Texturen belohnt, bevor die aufgegangene Sonne der filigranen Kunst ein schnelles Ende setzt.

ELSA ANYWHERE?
60 mm, 1/80 s, f/11
MINUSFÜNFZEHNGRAD
70 mm, 1/25 s, f/11

Nach längeren Schneefall- und Kälteperioden entwickelt der fortgeschrittene Winter im Januar und Februar eine besondere Formensprache, wenn der eisige Wind Schneeverwehungen an Eis- und Grasflächen entstehen lässt und der Landschaft eine polare Anmutung verleiht. Allerdings ist bei Windstärke 9 jedoch durchaus Vorsicht geboten, um nicht mitsamt Stativ und Kamera vom Steg gefegt zu werden.

WINDSTÄRKE 9
19 mm, 1/125 s, f/16
WINTERGÄSTE
400 mm, 1/400 s, f/5.6

Eine gute Zeit also, in diese Landschaft mit ihrer einzigartigen Atmosphäre einzutauchen. Für mich die schönste Zeit des Jahres: Herbst und Winter im Venn.

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