Mal was anderes…

Eigentlich bin ich ja Naturfotograf, wohl mit Schwerpunkt auf der Tierfotografie. Nicht selten hört man ja, dass man mit dieser Ausrichtung für andere Genres der Fotografie ein wenig verschlossen ist.

In der Tat reizen mich nicht sehr viele andere Themen. Natürlich ist die Architektur spannend, aber da ich seltener in Städten unterwegs bin, überlass ich dieses Feld gerne anderen. Nicht verschweigen kann ich, das die Notwendigkeit, dabei sehr akkurat arbeiten zu müssen, meiner Wesensart auch nicht gerade etgegen kommt. Für den Motorsport möchte mich ein Freund auch immer wieder mal begeistern. Gerne. Wenn ich die Dinger fahren darf. Aber ein Foto…, nun ja. Obwohl es da sicher Elemente gibt, die auch in der Naturfotografie vorkommen, Stichwort Bewegung. Und vielleicht sollte ich auch meine ablehnende Haltung und die immer gleichen Ausreden mal ablegen. Ist mir ja bei einem anderen Bereich auch ansatzweise gelungen. Menschen zu fotografieren lag mir eigentlich immer fern. Aber an diesem Beisppiel habe ich im Laufe der Zeit gelernt, dass der Blick über den thematischen Tellerrand durchaus was bringen kann.

Natürlich bin ich über den Umweg Haustierfotografie dazu gekommen. Und das noch nicht einmal ganz freiwillig. Als die Welt noch schön war, arbeitete ich viel mit Bildagenturen zusammen. Und die wollten neben Seeadlern und Löwen auch gerne Haustiere. Sogar viel lieber. Also lag ich ab und an mal vor einer Katze oder einem Retriever. Aber bald kam der Wunsch der Besitzer auf, doch einmal gemeinsam mit dem Liebling aufs Bild zu wollen. Das löste bei mir Unbehagen aus, liess sich aber nicht umgehen. Da musste ich durch. Ich bin sicher, dass die ersten Bilder scheusslich wurden, aber mit der Zeit löste sich meine Aversion zunehmend auf. Die Menschen bissen ebenso wenig wie die Tiere. Unverkrampftheit ist der erste Schritt zum besseren Bild.

Hätte die Bildagentur damals sicher gut zu Geld gemacht

Haustiere fotografiere ich heute nicht mehr für Agenturen. Aber es gibt Social Media. Im Bekanntenkreis freut sich immer mal der ein oder andere über ein brauchbares Bild seines Vierbeiners. Zudem werden halt auch Porträts von Menschen gebraucht.

Die verschobenen Größenverhältnisse schienen dem Dackel zunächst suspekt

Gina habe ich das erste mal für ein Buch zur D3200 fotogafiert. Man kann ja kein Kamerabuch nur mit Naturmotiven bestücken. Es hat damals Spaß gemacht, und seitdem treffen wir uns immer wieder mal für ein „Shooting“. Tatsächlich landen mittlerweile auch mal Bilder auf ihrem Instagram- Account. Und ich…lerne.

Wie ich schon sagte, habe ich erkannt, dass man zu besseren Bildern kommt, wenn man sich nicht von vornherein gegen ein Thema sperrt oder sich zu viele Gedanken macht. Ideen entwickeln ja, aber nicht in Schubladen denken oder sich sorgen, ob das denn auch mal was wird. Als Purist in Sachen Naturfotografie kann ich bei Porräts auch mal ein bißchen mehr bearbeiten als sonst. Darin bin ich ohnehin nicht bewandert, aber etwa den Kontrastregler etwas ungenierter zu bedienen, ist auch mal nett.

Doll überbelichtet und dazu ein Kontrast, wie ich ihn sonst nicht wagen würde
In der Naturfotografie bleibe ich in der Regel bei Farbe, aber bei Porträts gefällt mir Schwarz-Weiß sehr gut. Zusammen mit den Naturbildern von Frank Brehe wird mich das irgendwann auch mal dazu verleiten, es in der Wildniss anzuwenden.

Spannend finde ich, dass man bei Porträts recht direkt erfährt, ob das Bild etwas taugt oder nicht. Das ist in etwa so wie bei einem Schauspieler. Im Film erfährt er über Einschaltquote, Kritik oder Einspielergebniss an der Kinokasse, wie seine Leistung war. Auf der Bühne im Theater ist die Publikumsreaktion direkter. Während der Schmetterling nichts zu meiner Interpretation seines Ichs von sich gibt, erkenn ich an Ginas Blick meist sofort, ob ihr das Bild auf dem Display gefällt oder ich meine Freude ungeteilt geniessen muss.

Für Naturfotografen ergibt sich aber auch ein ganz praktischer und griffiger Grund, sich mal an das Thema Mensch vor der Kamera heranzuwagen. Nämlich unsere Arbeitsfotos. Die entstehen allzu oft so nebenbei, aus der Hüfte und ohne wirklichen Ernst. Das sieht man ihnen dann oft an. Und das ist schade, erzielen sie doch beispielsweise bei Vortragspublikum meist eine große Wirkung. Zum einen lockern sie den Vortrag auf, was gerade bei einem nicht hundertprozentig naturfotografisch ausgerichtetem Publikum wichtig sein kann. Zum anderen verdeutlichen sie diesen Menschen wirkungsvoll, wie Naturfotografen arbeiten. Man kann zig Mal erklären, das man bei Kälte draußen ausharrt. Aber wenn es im Bild gezeigt wird, wird es ganz anders verstanden und geglaubt, was wir bei unserem Tun auf uns nehmen und wieviel Leidenschaft in unserer Arbeit tatsächlich steckt. Natürlich kann man argumentieren, dass solche Bilder reines „Posen“ darstellen und der Selbstbeweihräucherung dienen. Sicherlich tun sie das oftmals, das Netz ist voll mit Beispielen. Aber nicht wenige spielen den Größten, ohne sich selber zu zeigen. Es ist sicher auch von der Häufigkeit und Art der Inzenierung abhängig, aber ein paar sauber fotografierte Arbeitsfotos sind für die Arbeit des Naturfotografen nützlich.

Irgendwie nervt mich diese helle Linie, die da aus dem Kopf entspring, im Nachhinein gewaltig

Im Zusammenhang mit Porträts kann man auch ganz gut an sich beobachten, dass man sich leicht vom Motiv ablenken lässt. Der Mensch stellt gegenüber einem Stahlträger ein derart dominantes Motiv dar, dass man den Stahl und somit den Hintergrund schon mal außer Acht lässt. Anders ist der helle Strich direkt aus Ginas Kopf nicht zu erklären. Nicht selten passiert uns das doch auch, wenn etwa ein seltener Vogel auftaucht. Ha, was schert einen da der Hintergrund. Wenn dann aber die Kollegen den Mülleimer rechts im Bild bemängeln, weiss man schon, dass sie recht haben. Sich nicht nur auf das Motiv zu konzentrieren, kann man mit Menschen gut trainieren. Und auch bei Motiven konzentriert zu sein oder zu bleiben, die einem auf den ersten Blick vieleicht nicht so begeistern oder die nicht zum vorrangigen Interesse zählen. Das passiert mir leider noch zu oft, aber ich habe es jetzt zumindest schon mal erkannt. Da habe ich das tollste Licht aber kein Motiv. Nur eine öde Brennnessel. Ich mach genervt ein paarAufnahmen, kann sie aber Zuhause löschen. Wusste ich schon beim auslösen. Das lag aber nicht an der Brennnessel. Sondern an mir und meiner Schublade im Kopf. Auch mal etwas zu fotografieren, von dem man denkt das es einen nicht sofort packt, schult.

Auf der Halde vor dem Sonnenaufgang

Bei dem obigen Bild wird ganz deutlich, dass ich nicht hundertprozentig bei der Sache war. Jeden Kranich hätte ich versucht, zwischen und nicht direkt vor den Stelen zu erwischen. Die Stimmung und der Wind oben auf der Halde Haniel haben alles gegeben, nur ich nicht. Das ärgert mich. Für ein Bild muss man in Bewegung bleiben oder sich in Bewegung setzen. Und hier hätte ich sogar Anweisungen geben können.

Man entdeckt aber nicht nur seine Schwächen. Als ich mal mit dem jungen Hermann Hirsch (mittlerweile ist er ja ein alter Hase) an einen Teich im Naturpark Feldbergerseen kam, entdeckten wir eine Schwanenfamilie. Die wollten wir fotografieren. Ich lief eilig um das störende Weidengebüsch am Ufer herum, bis ich freie Sicht auf Wasser und Vögel hatte. Aber wo war Hermann? Ich ging gespannt zurück und da hockte er. Direkt vor diesem störenden Gebüsch und fokussierte hindurch. Ich erinnerte mich an einige seiner Bilder und versuchte es. Ich war aber dafür in diesem Moment noch zu gehemmt und in meiner Schublade. Das kann nix werden, dachte ich. Und es wurde nix. Darüber nachgedacht habe ich aber durchaus weiterhin. Wochen später stand Gina hinter einem Weidengebüsch vor einem See und wartete, während ich mein Zeug aus dem Rucksack packte. Ich erinnerte mich an die Szene mit den Schwänen. Auch wenn das Bild noch nicht der große Wurf wurde, war es doch mein erstes Bild „durch was hindurch“. Von da an blieb ich dran.

Gina musste ein paar Mal vor und zurück, weil ich wissen wollte, welcher Abstand und welche Brennweiten am besten oder überhaupt funktionieren

Wohl automatisch wird man Aspekte einfliessen lassen, die man auch in der Naturfotografie einsetzt. So fotografiere ich auch am liebsten in der Natur als Umfeld, weil ich dann Unschärfen und Licht genau so einsetzen kann, wie ich es sonst auch machen würde. Das hilft zu erkennen, welchen Stil bzw. welche Bildsprache man letztlich bevorzugt, wenn sie sich auch in einer artfremden Thematik bahn bricht. Man lernt, wer man als Fotograf ist.

Im Märchenwald
Der unscharfe Vordergrund hat es mir einfach angetan

Menschen zu fotografieren ist eigentlich gar nicht so weit von der Naturfotorafie entfernt. Schon allein biologisch. Aber auch aus fotografischer Sicht. Auch wenn ich es in dem Metier nie zu großer Klasse bringen werde, macht es mir Spaß, ist eine Abwechslung zur sonstigen fotografischen Arbeit und führt mir immer neue Erkenntnisse vor Augen. Probiert es aus. Oder sucht euch ein anderes nicht direkt naturfotografisches Thema. Vielleicht gehe ich ja doch einmal mit zum Motorsport. Ich hoffe die haben da Büsche, durch die ich hindurchfotografieren kann.

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One thought on “Mal was anderes…”

  1. Ich kenne Markus jetzt schon eine ganze Weile und wir haben schon einige Fotoausflüge hinter uns – zufrieden mit dem Ergebnis bin ich eigentlich von Anfang an gewesen (klar, nicht mit jedem Bild, man ist halt auch sehr selbstkritisch.. ).
    Die Auswahl, welches Bild es jetzt zum neuen Profilbild und/oder Instagrampost schafft, war immer nicht leicht, aber tatsächlich werden es von Mal zu Mal mehr Fotos die es in die „engere“ (und trotzdem noch weite) Auswahl schaffen – und das liegt bestimmt nicht daran, dass ich weniger kritisch mit mir selbst geworden bin 😉 Vielen Dank dafür, lieber Markus!

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