Was anderes 2.0

In der Naturfotografie sind die Vögel mir fast das liebste Motiv. Oder die Pflanzen, da sie einem alle Zeit lassen, ruhig auf sie einzugehen. Insekten sind wuselig und klein. Aber in diesem Sommer habe ich sie neu entdeckt

Das schöne an den Mitgliedern der Vogelfamilie ist ihre nahezu uneingeschränkte Präsenz. Es gibt natürlich seltene Arten, aber irgendeine Krähe findet sich eigentlich immer. Und sie sind dabei auch noch ungemein fotogen. Mal elegant, mal majestätisch oder aber mit süßen Knopfaugen, es ist für jeden Geschmack was dabei. Und wenn man es nicht gerade mit den kleinen braunen oder grünlichen aus der Singvogelecke zu tun hat, sind sie leicht zu bestimmen und die Artenvielfalt zumindest in unseren Breiten gerade noch überschaubar. Nennt man zudem ein Teleobjektiv sein Eigen, füllen sie das Bildformat auch schon mal ordentlich aus, denn so eine Gans zum Beispiel ist ja nicht sonderlich klein. Ganz anders da die Inekten. Winzig oder zumindest klein, stetig in Bewegung und in einer enormen Artenfülle. Zumindest theoretisch bzw. noch. Fotografisch haben mich Libellen und Falter zwar schon immer gelockt, konnten aber gegen andere Motive nicht so recht ankommen. Mir erschien die notwendige Arbeit zu mühselig, der Ertrag nicht entsprechend und die Motive auch weniger interessant. Hier muss ich mir mal Ignoranz bescheinigen.

Der Bienenwolf. Eine hübsche Grabwespenart.

Tatsächlich entdeckte ich die kleinen Löcher auf dem Mittelstreifen der Strasse vor meinem Wohnhaus schon vor drei jahren, und ich sah auch, dass dort kleine wespenähnliche Fluginsekten aktiv waren, aber erst in diesem Sommer ging ich der Sache mal nach. Zuächst sah ich nichts besonderes. Nur die Löcher im ausgetrockneten Boden. Dann aber tauchte auf diesem ein Schatten vor mir auf, den ich nicht recht einzuordnen wusste. Ein Vogel? Der Schatten bewegte sich langsam, fast als stünde der Verursacher in der Luft. Ich sah mich um und war erstaunt, über meiner Schulter einen stattlichen Brummer zu entdecken. Zuerst ging ich von einer Hummel aus, doch als der unbekannte Flugkörper sich bedächig in den Sinkflug begab, erkannte ich das wespenähnliche Insekt darin wieder. Nur war es irgendwie größer. Ich brauchte erneut eine Sekunde, um zu registrieren, dass das kleine Tier ein anderes mit sich trug. Vom Bienenwolf hatte ich schon gehört, nun stand ich ihm gegenüber.

Die Beute ist nahezu gleich groß

Neben Canis lupus lebt also auch ein weiterer Wolf im Gebiet meiner Stadt. Klasse. Gut, findet sicher nicht jeder so. Aber vorab: der Bienenwolf kann einem Bienenolk nicht gefährlich werden. Gewiss, er hat sich darauf spezialisiert, Bienen zu jagen. Das macht er, um seine Larven zu füttern. Dabei entnimmt er aber so wenige Tiere, dass die Population der Bienen es gar nicht merkt. Interessant dabei ist, dass einer Made, aus der einmal ein weiblicher Bienenwolf werden soll, etwa drei bis fünf Bienen als Nahrung dargereicht werden, während zukünftige Männchen mit einem bis drei Futterbrocken klar kommen müssen. Der erwachsene Bienenwolf lebt hingegen von Blütennektar und ist eigentlich ein harmloser Geselle.

Ich habe sofort meine Kamera geholt und versucht, ein paar Bilder zu bekommen. Nicht einfach, wenn man einem neuen Motiv recht unvermittelt gegenüber steht. Also habe ich erstmal gelesen, mit wem ich es genau zu tun habe. Was ich dabei in Erfahrung bringen konnte, hat mich so fasziniert, dass ich am nächsten Tag wieder auf dem Mittelstreifen hockte.

Von vorn hat er was von einem Horror-Clown

Das Spannendste kann man gar nicht fotografieren, aber es zu wissen hilft, eine Faszination für ein Motiv zu entwickeln. Wenn der Bienenwolf nun eine Biene während deren Blütenbesuch als Beute auserkoren hat, so packt er sie und lähmt sie mit dem Stich seines Stachels. Das kann durchaus in einiger Entfernung zum Erdloch geschehen sein, in dem die Kinderstube angelegt werden soll. Um die Strecke mitsamt der Beute im Gepäck zu bewältigen, ist etwas Doping nötig. Das liefert die Biene. Unser kleiner Wolf massiert ihr geschickt den Magen, sodass sie einen Teil der aufgenommenen Pollen erbricht. Diese Powerflüssigkeit nimmt der Jäger auf und mit neuer Kraft geht es dann an die Arbeit. Mich beeindruckte auch, wie er überhaupt das Loch wieder findet. Gelesen habe ich dazu noch nichts, aber mir scheint, man sollte zu Fotozwecken das Umfeld der Kinderstube nicht zu sehr verändern. Scheinbar merkt der Wolf sich kleinste landschaftliche Besonderheiten, wie Stöckchen und weiße Steinchen. Es liegt auf der Hand, dass ich diese einmal entfernte. Das Insekt schien dann aber etwas länger zu brauchen, seine Höhle anzusteuern.

Die Beute wird sofort mitgenommen oder aber nach kleinen Ausbesserungsarbeiten von innen in die Brutkammer gezogen

Nun haben Bienen die schlechte Angewohnheit sehr rasch zu verderben. Egal ob tot oder nur durch den Stich paralysiert, der unbewegliche Bienenkörper wird binnen kürzester Zeit von Pilzen befallen. Um dem eigenen Kinde aber stets frische Nahrung zur Verfügung zu stellen, hat sich der Bienenwolf was einfallen lassen. Und zwar stellt er verschiedene Antibiotika her, mit denen er die Beute einspeichelt und so haltbar macht. Dabei sollen ihm Bakterien in seinen Fühlern helfen. Die Antibiotika sind höchst effektiv und in ihrer Zusammensetzung noch nicht restlos erforscht. Somit ist der kleine Bienenwolf ein spannendes Forschungsobjekt, dass uns vielleicht noch einmal genauso nützlich werden könnte wie es seine Beute schon heute ist.

So schräge Sachen haben Vögel kaum zu bieten, oder?

Beim buddeln

Von den sichtbaren Leistungen des Bienenwolfs sind sicher der Flug samt Beute und das graben der Brutröhren fotografisch am spannendsten. Es ist enorm, mit welcher Geschwindigkeit man zu Werke geht. Unterm Leib schaufeln die Vorderextremitäten das Substrat nach hinten weg. Ganz ohne Werkzeug bringen es die Bienenwölfe auf bis zu 60 cm tiefe Brutröhren, in denen mehrere Kammern sein können.

Sieht fas fürsorglich aus
Bei einer Störung kann die Beute auch schon mal abgelegt werden, wird aber wieder aufgesucht und der angedachten Verwendung zugeführt

Aufgrund der hohen Aktivität der Tiere sind kurze Verschlusszeiten ab 1/500 s vorraus zu setzen. Das war in diesem Sommer nicht das Problem. Licht genug war da. Ich habe freihand gearbeitet, um einfach beweglich sein zu können. Hat man einen verlässlichen Autofokus, kann man ihn bei den manchmal sehr gemütlich einschwebenden Bienenwölfen gut einsetzen. Es hilft aber auch, die Schärfe auf das Einflugloch einzustellen und das Insekt in die Schärfeebene hineinfliegen zu lassen. Bei schnellster Bildfolge bringt dann eben Masse viellecht auch mal Klasse.

Auch wenn sich die Bienenwölfe einmal der Hand oder dem Gesicht nähern, besteht kein Grund zur Sorge. Sie scheinen nur Bienen zu stechen und sind all die Zeit, die ich bei ihnen verbacht habe, sehr entspannt und friedfertig gewesen. Einfach tolle Motive und hochspannende Tiere. Wenn man nur mal richtig hinschaut, sich auf den Boden begibt, und sich tatsächlich mal auf das Neues einlässt, wird einem erst bewusst, welch unglaubliche Motivpalette und Überaschungen die Insektenwelt für einen bereit hält.

Eine Kreiselwespe im Anlug

Durch die Erlebnisse mit dem Bienenwolf habe ich mich dann auch anderen Grabwespen zugewand, denn davon gibt es einige Arten in Deutschland. Aber zum Teil muss man sie schon suchen. Alle lieben es warm und bevorzugen offene Landschaften mit sandigen Böden. Gut, wärmer wird es ja. Aber die für diese und natürlich auch viele, viele andere Insektenarten wichtigen Lebensräume nehmen rasch ab. Sie wirken für das menschliche Auge oft unattraktiv und dem Kenntnisslosen auch nicht unbedingt ökologisch wertvoll. Es ist aber nunmal so, dass nicht alle Arten im Wald oder an einem Teich leben, was allgemein als Biotop angesehen wird.

Zum ersten Mal gesehen und gleich ein Bild bekommen
Die Beute wird zu Fuß angebracht

Die zunehmenden Temperaturen locken auch neue Arten an. Kirbys Heuschreckenjäger-Grabwespe etwa konnte ich gemeinsam mit Thomas Kirchen bzw. Makro-Tom im Mainzer Sand finden. Unsere Aufnahmen waren die ersten, die von dem Insekt in Deutschland gemacht wurden. Erst ein paar Tage zuvor war das Tier dort überhaupt entdeckt und nachgewiesen worden. Leider gibt es Pläne, den Mainzer Sand für den Ausbau der angrenzenden Autobahn in Mitleidenschaft zu ziehen. Ein vollkommen nicht in die Zeit passender Plan. Statt Konzepte zu entwickeln, Autos von den Strassen zu bekommen, wird das Angebot an Fahrwegen weiter erhöht und optimiert. Aussagen zum Insektenschutz werden da ganz schnell zu dünnen Lippenbekenntnissen. Mein Tipp: Geht nächsten Sommer los, kriecht auf dem Boden rum und widmet euch mal den kleinen Gesellen, falls ihr es nicht schon längst macht. Es gibt so unglaublich viel zu entdecken. Ist nur die Frage, wie lange noch.

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