Ohne Bild im Kopf

Manchmal möchte man einfach nur raus! Dann kann es sogar recht hinderlich sein, eine allzu konkrete Bildidee im Gepäck zu haben. Klar, manchmal kommt man nicht drumrum, geplant, akribisch und mit großer Ausdauer an einer ganz konkreten Bildidee festzuhalten. Immer dann, wenn man mit seiner Aufnahme oder der ganzen Geschichte etwas ganz konkretes zeigen oder ansprechen will, ist es zumindest förderlich, das ein oder andere Bild klar im Kopf zu haben. Aber: dieser Ansatz birgt immer auch Frustrationspotential. Denn es kann dauern, bis die eine bestimmte Bildidee auch tatsächlich in ein Bild umgewandelt werden kann. Es ist ähnlich wie bei der Partnerwahl. Haste ganz klare Vorstellungen und Wünsche bis hin in kleinste Verhaltensweisen und Interessengebiete der potentiellen Kandidaten, dauert es halt entsprechend länger, bisse verheitatet bist. Und während du weiter Anzeigen schreibst, verpasst du unter Umständen andere Optionen an der Supermarktkasse. Genau so ist das auch in der Naturfotografie. Und ist dann die zur Verfügung stehende Zeit knapp bemessen, muss noch akribischer gearbeitet werden, um sie genutzt zu wissen. Oder aber man geht ab und an mal anders an das Thema heran.

 

Mal eben schnell raus und die letzten Minuten des Tages nutzen. Sowas kann nicht immer perfekt enden, erfüllt jedoch. Keinen Zweck, aber einen selbst.

 

Einfach mal die Kamera packen und rausgehen ermöglicht immer die Chance auf ein Bild. Denn Naturfotos macht man draußen. In der Natur. Dabei kann es recht unerheblich sein, wie wild die einen gerade umgebende Natur ist. Und dann schaut man mal, was so auf einen zukommt. Oder anders gesagt, was die Natur einem als Motiv anbietet. Wenn ich unterwegs bin, um nach einem bestimmten Motiv Ausschau zu halten oder wenn ich dieses Motiv auf ganz bestimmte Weise erwischen möchte, komme ich immer wieder auch ohne Beobachtung und erst recht ohne Bild zurück. Und bin dann schon mal enttäuscht. Das lässt sich leider nicht vermeiden, da ich für eine Story eben bestimmte Bilder brauche. Und natürlich muss man auch Negativerlebnisse aushalten können. Aber man kann diese auf unterschiedliche Weise zu minimieren versuchen, insbesondere, wenn man eben nicht sein Geld damit verdienen oder jedem Like hinterherhecheln muss. Denn Naturfotografie sollte ja vorallem Spaß machen.

 

Eigentlich wollte ich, dass da Kraniche stehen. Aber bevor ich mich gräme…
Natürlich wäre es nicht schlimm, ständ der Reiher etwas näher vor der Kamera. Ist aber auch nicht schlimm, dass er weit weg steht.

 

Wie auch sonst im Leben geht der Spaß meist erst so richtig los, wenn man locker an die Sache rangeht und vielleicht nicht alles so ernst und genau nimmt. Damit ist nicht etwa gemeint, Naturschutzgesetze außer Acht zu lassen und Distanz- und Rücksichtslosigkeit gegen Mensch und Natur walten zu lassen. Im Gegenteil. Vielmehr heißt das in unserem Fall, auch mal fotografische Regeln außer acht zu lassen, etwas auszuprobieren und Neues, vielleicht auch gerade Modernes zuzulassen. Wenn etwa das Hauptmotiv nicht unbedingt Formatfüllend sein muss, wenn Schärfe nicht das primäre Ziel ist und es uns vor Über- oder Unterbelichtung nicht graut, kann es passieren, das wir fast immer mit einem Bild nach Hause gehen.

 

Ist man nicht auf was Bestimmtes fokussiert, ist man offen für kleine Geschichten am Rande.
Silberreiher im Herbst. Was brauch es mehr? Ok, vielleicht mehr Blätter im Vordergrund.

 

Klappt das mal nicht, ist es aber auch weniger schlimm, als wenn uns das geplante und langersehnte Bild nicht gelingt, da wir ja ohne einer bestimmten Erwartung losgegangen sind. Also kann die Enttäuschung auch nur milder ausfallen. Ist doch schön zu wissen.

Natürlich wird sich aber niemand dieser neuen Entspanntheit völlig hingeben, sondern immer versuchen, in der Natur ein Bild zu finden. Versucht man, auch weiter entfernte Motive dazu zu nutzen, ohne die Entfernung maßgeblich zu reduzieren, lernt man unweigerlich, anders zu schauen. Die das Motiv umgebende Landschaft und ihre einzelnen Elemente werden wichtiger als etwa bei formatfüllenden Tierporträts. Man versucht, Ordnung in das Bild zu bekommen, lernt aber auch, nicht alle Elemente des vermeintlichen Chaos in der Natur als Unruhe zu empfinden. Da ich früher vorallem plakativ für Bildagenturen fotografiert habe, brauchte ich lange, Reflektionen und Strukturen um das Hauptmotiv herum als nicht ablenkend einzustufen. Da aus der Distanz eigentlich immer irgendetwas „Störendes“ zwischen Linse und Motiv sein wird, ist man gezwungen, die richtige Kameraposition zu suchen. Man kommt in Bewegung. Sucht. Entwickelt sein Bild Milimeter für Milimeter, bis der Blick durch das Geäst oder Schilf am Ufer frei ist. Oder eben frei genug. Und das reicht ja.

 

Man kann wie immer nicht aus allem was machen, das jedem gefällt.
Haubentaucher bei der Balz. Oben. Links. Wenn man einmal mit sowas anfängt, ist es schwer zu beurteilen, ob die eigene Fotografie nun seltsame Blüten treibt oder Sinn ergibt. Wichtig ist, mit welchen Empfindungen man nach Hause geht.

 

Auch mal Abstand zu halten ist zudem eine recht naturverträgliche Fotografie. Man bleibt auf dem Weg und bekommt dennoch sein Bild. Vielleicht ein anderes, aber nicht minder wertvolles. Man bedrängt nicht, hält Fluchtdistanzen ein. Gerade in Zeiten, da die Naturfotografie bzw. das Fotografieren in der Natur, was duchaus was anderes sein kann, zum Massenphänomen wird, könnte es Sinn ergeben, auch mal einen anderen Fotografier- und Bildstil auszuprobieren. Und es macht Spaß.

 

Der Eisvogel kam ein paar Mal sehr nah, hatte aber irgendwann dazu weniger Lust. Kein Grund, das fotografieren einzustellen.
Als ich an diesem Sonnenblumenfeld vorbeifuhr, dachte ich kurz, was wäre das schön, wenn da jetzt Kraniche drin stünden. In der nächsten Sekunde taten sie es. Auch das Glücksgefühl einer Überaschung kann enorm sein.

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