UNTERSCHÄTZT – Erfahrungen mit dem Canon RF 800/11.0 IS STM

Ein Gastbeitrag von Michael J. Kochniss

Ein Objektiv mit einer Lichtstärke von f/11, noch dazu mit einer festen Blende: Derartige technische Daten hätten es vor nicht allzu langer Zeit kaum geschafft, mein Interesse zu wecken. Vermutlich lag es am gerade vollzogenen Umstieg vom EF- auf das RF-System und der damit verbundenen Erkenntnis, den ein oder anderen althergebrachten fotografischen Grundsatz neu zu denken, dass ich es doch auf einen Versuch ankommen ließ. In Verbindung mit den durchaus positiven Low-Light-Eigenschaften der EOS R5 könnte sich die Linse vielleicht doch für die ein oder andere Situation eignen, so die Überlegungen. Dazu die Brennweite von 800mm, ein 5-Stufen-Bildstabilisator und ein mehr als fairer Preis. Warum eigentlich nicht?

Um es vorweg zu nehmen: Dieses Objektiv sorgt auch nach einem knappen Jahr der intensiven Nutzung immer wieder für positive Überraschungen, dazu später mehr. Die für mich selbst größte Überraschung liegt jedoch in der Tatsache, dass ich erstmals einen Beitrag über Fotoequipment schreibe. Bemerkenswert für jemanden, der Technikdiskussionen meidet und sich nicht wirklich für Testberichte interessiert. Da sind und waren mir selbst gesammelte Erfahrungen immer wichtiger und auch wertvoller. Und damit sind wir bei einer wichtigen Information vorab: Die folgenden Ausführungen sind kein Testbericht, sondern eine Schilderung meiner ganz persönlichen, subjektiven Erfahrungen.

TURMFALKE – EOS R5, 1/1000 s, ISO 3200, Stativ

Subjektiv auch deswegen, weil vielerorts kritisiert wird, dass man den Tubus vor der Verwendung ausziehen muss, um das Objektiv in die Aufnahmeposition zu bringen. Klarer Nachteil also? Nun ja, man kann es auch vom gegenteiligen Standpunkt aus betrachten: Das Objektiv lässt sich zum Transport praktischerweise zusammenschieben und passt damit – auch an die Kamera angesetzt – in die meisten Fotorucksäcke und in einige Colt-Taschen. Klarer Vorteil. Abgesehen davon dauert es wirklich nur eine Sekunde, den Arretierungsring zu drehen, den Tubus auszuziehen und den Ring wieder zu fixieren. Für Natur- und Wildlife-Fotografen ohnehin kein Problem, denn Geduld ist schließlich unsere Kernkompetenz und Zeit haben wir immer reichlich. Die übrige Haptik ist durchaus ansprechend, liegt natürlich nicht auf dem Niveau der L-Serie, lässt jedoch kaum Wünsche offen.

Als sinnvoll im Alltag hat sich ein Lenscoat erwiesen, damit ist gleichzeitig der kunstlederartig genarbte, vordere Objektivtubus vor Verschmutzungen geschützt. Dennoch darf man nicht vergessen, dass das Objektiv im Unterschied zu den Modellen der L-Serie nicht gegen Staub und Spritzwasser geschützt ist.

Mit einem Gewicht von 1.260 g bei einer Länge von gut 350 mm liegt das Objektiv einerseits gut und ausgewogen in der Hand und wirkt dennoch erstaunlich leicht. Ein Vorteil, den man spätestens dann zu schätzen weiß, wenn man den ganzen Tag über in der Landschaft unterwegs ist, nicht zuletzt auch im Mittel- oder Hochgebirge viele Höhenmeter mit Fotoausrüstung und ggf. Proviant überwinden muss.

Zu den größten Überraschungen des RF 800 zählt für mich seine Freihandtauglichkeit, nicht zuletzt dank des Bildstabilisators, der eine saubere Arbeit leistet und für eine beeindruckende Detailschärfe sorgt.

KLEIBER – EOS R5, 1/1000 s, ISO 640, Freihand

Natürlich bevorzuge auch ich die Verwendung eines Stativs, wann immer es geht – gerade in der Wildlife-Fotografie. Dennoch bleiben viele Situationen, wo eben dies nicht möglich ist, und hier kommt die Freihandtauglichkeit zum tragen. Auch dann, wenn man die Crop-Funktion der R5 nutzt. Über Sinn und Zweck dieser Funktion wird gern diskutiert, ich nutze sie durchaus in bestimmten Situationen. Auch wenn man das Bild nachträglich in der EBV zuschneiden kann, ist die Crop-Funktion des Sensors beispielsweise für die Wettbewerbsfotografie von Vorteil, wenn die Wettbewerbsbedingungen lediglich einen moderaten Zuschnitt zulassen.

LOVE IS IN THE AIR
EOS R5, 1/1250 s, ISO 800, Freihand

Für den Einsatz auf dem Stativ verfügt das RF 800 über ein integriertes Stativgewinde, welches fest verbaut und somit leider nur im Querformat nutzbar ist. Hier wäre eine Stativschelle sicher die vielseitigere Lösung gewesen.

FOOD DELIVERY SERVICE – EOS R5, 1/1000 s, ISO 1000, Stativ

Der STM erledigt seine Arbeit erwartungsgemäß. In Zusammenarbeit mit der Augenerkennung der R5 gelingen auch bewegte Motive mit einer hohen Trefferquote.

LIFT OFF – EOS R5, 1/1600 s, ISO 2500, Freihand

Eignet sich ein Objektiv mit Festblende f/11 zum Freistellen und produziert es ein ansprechendes Bokeh? Zwei Fragen, die mich im Vorfeld sehr beschäftigt haben und die man mit einem klaren „Es kommt darauf an“ beantworten kann – was durchaus auch für lichtstärkere Objektive gilt. Natürlich darf man hinsichtlich Freistellen und Bokeh schon allein aufgrund der technischen Voraussetzungen nicht die Ergebnisse eines RF 800/5.6 L oder eines RF 600/4.0 L erwarten.

So kommt es gerade beim RF 800 in besonderem Maße auf den Hintergrund an, seinen Detailreichtum und seinen Abstand zum Hauptmotiv (je größer, desto besser). Sind die Bedingungen günstig, lässt sich das Hauptmotiv gut freistellen und das Objektiv produziert eine harmonische Hintergrundunschärfe.

HIGHLAND CATTLE – EOS R5, 1/1250 s, ISO 1250, Freihand

Auch die Unschärfe des Vordergrundes zeigt sich durchaus harmonisch.

FUTTERSUCHE – EOS R5, 1/1000 s, ISO 4000, Freihand

Wo liegen nun nach meinen Erfahrungen die Nachteile des Objektivs? Definitiv darin, dass einem Objektiv mit einer Lichtstärke von f/11 selbstverständlich engere Grenzen gesetzt sind als einer lichtstärkeren Variante, und dass dies in manchen Situationen deutlich spürbar ist. Dazu gehört beispielsweise die Ansitzfotografie im oder am Wald, sobald die Dämmerung einsetzt und das fehlende Licht auch nicht mehr mit höheren ISO-Werten zu kompensieren ist. Ähnliches gilt für die Fotografie dämmerungsaktiver Arten im Freien.

I SEE YOU – EOS R5, 1/1000 s, ISO 12800, Freihand

Der zweite, für mich persönlich nicht so gravierende Nachteil liegt in der verhältnismäßig großen Naheinstellgrenze von 6 m. So gab es insgesamt eine handvoll Situationen, in denen ich eine Aufnahme aufgrund dieser Naheinstellgrenze nicht realisieren konnte. Zum Vergleich: Die Naheinstellgrenze des RF 800/5.6 L beträgt lediglich 2,6 m. Ein unlauterer Vergleich indes, nicht nur aufgrund Preisunterschiedes in Höhe von 18.800 €.

Wie fällt nun mein ganz persönliches Fazit nach einem knappen Jahr und unzähligen Stunden in freier Wildbahn mit dem RF 800 aus? Am Ende sind es zwei Nachteile, denen eine Reihe von positiven Eigenschaften gegenübersteht. Das RF 800 hat mir nicht nur viel Freude bereitet, es hat mir auch Bildmotive ermöglicht, die ich bis dahin nicht realisieren konnte, was nicht zuletzt daran liegt, dass man es immer dabei haben kann. Und damit hat es eine einfache, aber wirkungsvolle Mission erfüllt: Es hat mich fotografisch weitergebracht.

BLUE EYES – EOS R5, 1/2000 s, ISO 1250, Freihand
DER DUFT DES NORDENS – EOS R5, 1/1600 s, ISO 1250, Freihand
EIN MÜDES LÄCHELN – EOS R5, 1/1600 s, ISO 2000, Freihand

Mehr Bilder von Michael Kochniss findet ihr hier:

One thought on “UNTERSCHÄTZT – Erfahrungen mit dem Canon RF 800/11.0 IS STM”

  1. Ich kann das Fazit nur unterschreiben. Wenn das Licht da ist, ist mit diesem Objektiv wahnsinnig viel möglich.

    Mein persönlicher Wermutstropfen ist eher der fehlende Schutz gegen die Elemente, der aber wahrscheinlich ein viel aufwändigeres und weniger kompaktes Objektivdesign bedeutet hätte.

    So oder so kann man als Naturfotograf:in mit Canon-RF-System mit diesem Objektiv eigentlich nichts falsch machen.

    Vielen Dank an Michael Kochniss für den gelungenen Testbericht und das Teilen der fantastischen Bilder.

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