Das Jahr des Buschwindröschen

Keine Ahnung, welchen Namen der chinesische Kalender für das Jahr 2020 gerade vorsieht, aber bei mir könnte es als das „Jahr des Buschwindröschens“ in Erinnerung bleiben

Wie schon Jan Ole Weidert vor kurzem an dieser Stelle erwähnte, zwingt die gegenwärtige Situation auch Naturfotografen, sich vor allem im näheren Umfeld des Wohnorts zu tummel. Und da wir ja keine wirkliche Ausgangssperre bekommen haben, sind wir Naturfotografen ja noch ganz gut bedient. Denn unsere Leidenschaft üben wir ja auch in normaleren Zeiten regelmäßig alleine und fern der Mitmenschen aus. Es ist halt nur schwierig bis unmöglich, Motive aufzusuchen, die eine Übernachtung abverlangen. Aus diesem Grund bin ich wohl gegenwärtig soviel in heimatlichen Gefilden unterwegs wie noch nie. Und natürlich habe ich mich in den letzten Tagen auch mit den Frühblühern beschäftigt. Vor allem das Buschwindröschen sollte es sein, dem ich ein vernünftiges Bild abringen wollte. Eigentlich lege ich mich in jeder Saison einmal vor die kleinen Anemonen. Allerdings eher so als Frühlings- Begrüßungsritual denn unter ersthaften fotografischen Ambitionen. Das sollte nun anders sein.

Wie immer muss ich mich erst einmal in das Motiv hineinsehen. Und da ich keinerlei Zeitdruck verspürte, habe ich ausgiebig an mehreren Standorten einfach mal nur geguckt. Aspekte wie Hintergrund, Lichteinfall und Blühdichte führten dazu, dass einem bestimmten kleinen Waldstückchen meine besondere Zuneigung zuteil wurde. Insbesondere da ich eine Stelle wollte, an der ich am Abend gegen den roten Himmel würde fotografieren können. Und das schien hier der Fall zu sein, da die Pflanzen bis dicht an den Waldrand hin wuchsen.

Wasser im Hintergrund liefert schöne Reflexe oder zumindest Licht von mehreren Seiten, da es wie ein Aufhellschirm wirken kann

Ein rinnsaalartiger Bachlauf bot zudem die Möglichkeit, die Blumen in Wassernähe zu fotografieren, wovon ich mir ein paar glitzernde Hintergründe versprach. Da der Bach aber wenig Fliessbewegung hatte und das Wasser sich auch kaum an Steinen oder ähnlichem brach, fiel der Plan recht enttäuschend aus.

Die Efeublätter, die mich zuvor noch als dunkle Flecken ärgerten, entschuldigten sich mit wunderbaren Reflexionen

Besser geeignet waren da Efeuranken am Waldboden. Als ich einmal recht früh vor Ort war und die Sonne noch recht hartes Licht servierte, fielen mir die weißen, überstrahlten Flächen der robusten Efeublätter auf. Und siehe da, im Sucher und bei offener Blende wurden diese zu recht hübschen Lichtreflexen, die ich sodann in den Vordergrund einbaute. So ging auch die Zeit mit dem von mir zuvor noch als unattraktiv eingestuften Licht wie im Flug vorrüber.

Wenn man viel Zeit allein auf dem Waldboden verbringt, bleibt fast nichts anderes übrig, als sich immer wieder was Neues zu überlegen

Zudem mag ich Weiß im Bild. Klar, das passt nicht immer und ich habe auch rein gar nichts gegen einen schönen blauen Himmel als Hntergrund. Aber ab und an mag ich es hell, weiß und gleißend. Und das bekommt man in seinen Bildern ebenfalls bei starkem Lichteinfall gut hin.

Der von mir gewählte Standort hat neben der Nähe der Motive zum Waldrand auch noch den Vorteil, dass er ein recht hügliges Relief besitzt. So kann man am Hang liegen und recht bequem die Blüten auf der Kuppe gegen den Himmel platzieren. Belichtet man dann ein wenig über, bekommt man einen schön weißen Himmel. Zudem werden dünne Stämme und Stiele der Umgebungsvegetation durch eine Überbelichtung schlicht „weggefressen“. Stempeln mit der Kamera also. Natürlich bleiben allzu dicke Baumstämme aber im Bild erhalten, was ich für die Räumlichkeit im Bild nützlich finde. Und das Bild wirkt wenig steril, wenn der Hintergrund nicht nur rein weiß ausfällt.

Die zwei Blümchen rechts im Rahmen passten so nicht recht zum Rest des Bildes
Der engere Bildasschnitt kann helfen

Fotografiert man gegen das Licht, hat man aber auch schön weich durchleuchtetes Laub, dass sich ebenfalls für die Hintergrundgestaltung anbietet. Da mir die Farben und Lichter im Blattwerk ausgesprochen gut gefallen haben, entschied ich mich zumeist für Bilder, in denen das Hauptmotiv eher klein eingebaut wurde. Die Schwierigkeit bestand darin, möglichst viele ansprechende weiche Flächen, Flecken und Lichter aufzunehmen und harte sowie dingliche Elemente aus dem Bild heraus zu lassen. In einem Frühlingswald kann das Zeit in Anspruch nehmen. Und manchmal ist es schlicht nicht möglich, das Wunschbild umzusetzen, will man nicht Axt und Säge zum Einsatz kommen lassen. Was sich hoffentlich selbstredend verbietet.

Manchmal kann das Hauptmotiv schon mal etwas verloren wirken, wenn man sehr viel Umgebung mit einschliessen will
Andererseits geht dann das duftige und leichte der Umgebung dem Bild vielleicht verloren

Gerade unter solchen Bedingungen arbeite ich gerne mit Zoom-Objektiven, da der Ausschnitt und Abbildungsmasstab schnell und naturverträglich verändert werden kann. Pflanzen niederwalzendes herumgerobbe entfällt, und man kann vom selben Standort aus mehrere Bilder versuchen. Aber auch hierbei wird man merken, dass man das eine bekommt und das andere verliert. Damit meine ich, dass man mit einer längeren Brennweite etwa das Motiv deutlicher sichtbar machen und im Bild dominanter darstellen kann. Dafür schwindet aber die Anzahl und Wirkung der Lichter im Laub und Himmel.

Sinkt die Sonne zunehmend zu Boden, ändert sich die Färbung des Hintegrundes zwangsläufig. Für mich ist es zu dieser Zeit am reizvollsten, den Blüten wieder etwas näher zu kommen. Leider drängte sich die nun sehr tief stehende Sonne immer wieder in meine Bilder, wenn ich hart gegen das Licht fotografieren wollte. Ich habe daher die Zeit direkt nach Sonnenuntergang schätzen gelernt. Dabei stellte sich kein Abend wie der andere dar. Das lag zum einen an den Windröschen. Waren sie gestern sehr lange offen, so gingen sie heute früh zu Bett. Oder sie veränderten von einem Tag auf den anderen ihre Blütenform und Wuchsrichtung. Ein fauliger Fleck, der gestern noch nicht da war. Abgefallene Blütenblätter. Da kann sich viel verändern. Es ist daher sinnvoll, sich das Motiv ausreichend lange vor dem besten bzw. dem gewünschten Licht auszusuchen und die Fotoapparatur einzurichten. Zu meinem Glück gab es aber auch mal die eine oder andere Wolke, welche die Himmelsfarben verstärkten und beherrschbarer machten. Da die Buschwindröschen wie schon gesagt nah am Waldrand wuchsen und lange beleuchtet wurden, fand ich tatsächlich immer Exemplare, die bis in die Dunkelheit hin ihre Blüten geöffnet hielten. Und so bekam ich mein Wunschbild vor dem roten Abendhimmel.

Sonne, Wolke und Zweige der Brombeere brachte Farbe und Struktur in den Himmel

Das ich mal fünf Abende nacheinander an der exakt selben Stelle vor Buschwindröschen liegen werde, hätte ich mir vorher auch nicht unbedingt gedacht. Ich hab aber auch so viele Bilder, und eben auch unterschiedliche von ihnen gemacht wie noch nie zuvor. Trotzdem blieben bestimmte Aspekte auf der Strecke. Erst als die Blüten anfingen, deutliche Spuren der Vergänglichkeit zu zeigen, fiel mir auf, dass ich den Aspekt der Masse am Waldboden nicht eingefangen habe. Ein Grund, im kommenden Jahr vielleicht wieder her zu kommen. Langweilig wird das bestimmt nicht. Denn wie schon gesagt war kein Abend exakt wie der andere. Und das wurde mir beim letzten Besuch auch noch mal eindringlich vor Augen geführt. Genau aus der von mir am intensivsten fotografierten Blütengruppe flog nur wenige Schritte vor mir eine Waldschnepfe auf und verschwand geräuschlos. Was wäre das für ein Bild gewesen. Wie sie da inmitten der weißen Pracht sitzt. Aber wer rechnet schon mit sowas. Ich freute mich an dem Anblick der kleinen Mulde in den Pflanzen und der Vorstellung, dass der heimliche Vogel da gerade noch gesessen hat. Und gab mich dann mit einem singenden Rotkehlchen zufrieden, dass mir an den vergangenen Abenden schon den akkustischen Hintergrund bot. Als ich das Bildauf dem Display sah und wieder an die Waldschnepfe dachte, wusste ich aber auch, dass jetzt Zeit für andere Motive gekommen ist.

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