Focus-Stacking mit Vogelspinnen

Ein Gastbeitrag von Gabi und Gunter Reichert

Ich gehe nichts Böses ahnend in mein Büro, knipse das Licht an, und mir bleibt fast das Herz stehen. Auf meinem Schreibtisch sitzt ein riesiges Spinnentier. Zum Glück in einer Plastikdose, und lebendig ist es auch nicht. Es ist zum Glück nur die abgestreifte Außenhülle einer Vogelspinne. Ich muss gleich mal testen, ob andere auch so erschreckt reagieren und rufe meine Tochter herein. Die gleiche Reaktion, also bin ich nicht überempfindlich.

Mein erste Üb-Objekt hat mich anfangs ziemlich erschreckt, hält aber schön still
Zum Größenvergleich ein Aus-der-Hand-Stacking von der Spinne auf der Hand

Im Winter holen wir uns die Makromotive ins Studio

Im Winter sind Makromotive im Freien ziemlich rar, da ist so eine Spinnenhaut ein dankbares Objekt für Nahaufnahmen. Freunde von uns haben sie uns überlassen, die haben nicht nur Ponys, Pferde, Hunde und Katzen, sondern auch Vogelspinnen, Schlangen und Tausendfüßler.

Beim Fotografieren zeigt sich schnell, dass selbst starkes Abblenden bei Weitem nicht ausreicht, um die Spinne in ihrer Ausdehnung scharf abzubilden. Es geht halbwegs, wenn man die Spinne vertikal von oben ablichtet. Das wirkt aber eher langweilig.

Generell wirken die Einzelaufnahmen allgemein unschärfer, weil abseits der eingestellten Fokusebene die Schärfe graduell abnimmt. Und bei zu starkem Abblenden auf f/16 oder f/22 verringern die Lichtbeugungseffekte an den Blendenlamellen die Allgemeinschärfe.

Die beiden Fotos zeigen eine Einzelaufnahme aus dem Stacking und das Endergebnis, zusammengesetzt aus über 30 Dateien

Automatisiertes Focus-Bracketing mit der Canon EOS R6

Vor kurzem habe ich meine Kameraausrüstung um eine Canon EOS R6 erweitert, und die beherrscht automatisches Fokusbracketing, wie Canon seine interne Funktion der Schärfeverschiebung nennt. Das kann ich dann gleich mal mit der Spinnenhaut ausprobieren, bevor ich mich an lebende Objekte traue.

Die Spinnenhaut arrangiere ich mit Hilfe einer langen Pinzette (anfassen mag ich sie nicht) auf einem hellen Teller, der auf einem Leuchtpult in einem Lichtzelt am Fenster steht. Die Kamera auf dem Stativ ist über den Bajonettadapter EF-EOS R mit dem Sigma EF 105/2.8 Makroobjektiv bestückt.

Für meinen ersten Versuch wähle ich im Fokusbracketing-Menü sieben Aufnahmen und stelle Blende f/9 ein. Das reicht aber noch nicht. Die Schärfe geht nur bis zur Mitte der Spinnenhaut. Erst bei 35 Aufnahmen in Reihe habe ich von jedem Teil der Spinne ein scharfes Foto. Damit kann ich sie von vorne bis hinten scharf zusammenrechnen.

Die RAW-Aufnahmen optimiere ich in Lightroom und setzte sie mit Photoshop zusammen. Als das fertig zusammengerechnete Spinnenbild aufpoppt, ist das ein phänomenaler Wow-Effekt für mich. Bei genauerer Betrachtung entdecke ich allerdings ein paar unscharf verwaschene Stellen an einigen Spinnenbeinhaaren. Ich wiederhole das Bilder-Stacking in Affinity Photo, und da sieht es tatsächlich besser aus. Das ist schon krass, was man mit moderner Fototechnik und Software erreichen kann.

Die Studiosessions mit den Vogelspinnen

Die Aufnahmen der lebendigen Vogelspinnen bereite ich in meinem Studio vor. Ein Spiegel auf dem Aufnahmetisch, seitlich zwei Studioblitze mit 80×80 cm-Lichtboxen, von denen ich nur das Einstelllicht nutze, und eine dunkles Tuch für einen ruhigen Hintergrund.

An der Kamera führe ich einen manuellen Weißabgleich durch und stelle ISO 1600 ein, damit ich ausreichend kurze Belichtungszeiten bei Blendenwerten zwischen f/9 und f/14 bekomme.

Vogelspinnen bleiben in der Regel still sitzen, wenn sie sich sicher fühlen. Bewegen sie sich aber während der Aufnahme nur ein wenig, sind diese Reihenaufnahmen für ein fehlerfreies Stacking nicht verwendbar.

Nach den ersten positiven Resultaten schleppen meine Freunde begeistert weitere Terrarien mit Vogelspinnen zu mir ins Studio. So ein bisschen Gruselkabinettstimmung tut sich das schon auf. Wir lassen den Tieren Zeit, sich zu akklimatisieren und bewegen uns langsam, um sie nicht zu provozieren. Jetzt kann die Session beginnen. Einige Exemplare nehmen wir direkt in ihrer gewohnten Umgebung in ihrem Terrarium auf. Die gutmütigen Spinnenexemplare lassen sich auf dem Spiegeltisch arrangieren, oder wir setzen sie auf ein Bananen- oder Philodendronblatt.

Grammostola rosea
Grammostola rosea auf Blatt
Grammostola rosea Ausschnitt original

Auf dem Spiegel kommen die Spinnen besonders gut zur Geltung. So können wir ihre Cheliceren, die Kieferklauen, mit denen sie ihre Beute packen, gut sehen.

Chromatopelma cyaneopubescens – Komet
Nhandu coloratovillosus auf Spiegel
Nhandu Coloratovillosus, Bild mit Nik Filter Analog bearbeitet.

Meine Aversion gegen Spinnen verwandelt sich in Faszination

Beim Sichten der Fotoausbeute kommt jedesmal wieder dieser Wow-Effekt. Dieser Detailreichtum, diese naturgeschaffene Perfektion. Ich bin nicht über die Fototechnik begeistert, auch meine Hochachtung für diese Wunderwerke der Natur steigt in unerwartete Höhen. Gleichzeitig sinkt meine Angst vor den Spinnen und ich fange langsam an, sie als Haustiere anzusehen. Auch meine Tochter mag inzwischen die Vogelspinnen, solange sie sicher im Terrarium hinter Glas sitzen.

Die ganze Arbeit während der Vogelspinnen-Sessions und der Nachbearbeitung hat uns nicht nur Spaß und schöne Spinnenbilder gebracht. Kurz danach kamen unsere Freunde vorbei und hatten ein besonderes Geschenk für uns. Ihr könnt es fast ahnen – eine putzmuntere Vogelspinne samt ihrem Terrarium. Die steht momentan in meinem Büro hinter mir und schaut mir bei der Bildbearbeitung zu.

Mehr Bilder von Gabi und Gunter Reichert findet ihr auch auf der Webseite und Instagram!

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