Fotografieren mit der EOS R5 und der EOS R6

von Karsten Mosebach

Um mich herum knattert es aus jeder Ecke. Es ist laut, heiß und staubig. In der hoch aufgeworfenen Steilkurve vor mir rast die nächste Motocross-Maschine wenige Meter an mir vorbei. Ich reiße die Kamera hoch und folge der Bewegung. Die Sonne strahlt voll in die Kamera, so dass ich das Motiv kaum erkennen kann. Die Blende habe ich einigermaßen weit geschlossen. Die Sonne soll mit ihrem typischen Strahlenmuster hinter dem Fahrer hervorstrahlen.

Canon EOS R5 mit EF 16-35/2.8 L IS II USM, Blende 10, ISO 2.500, 1/2.500 sec

Für die Kamera sind das äußerst anspruchsvolle Bedingungen. Denn ständig wechselt das Licht, mal scheint die Sonne direkt ins Objektiv, einen Sekundenbruchteil später ist sie wieder vollständig verdeckt. Die Situation ist ein echter Härtetest für den Autofokus. Meine 5D Mark IV oder die EOS R sind damit völlig überfordert, sie lassen sich ständig vom Hauptmotiv ablenken, der AF findet keinen Halt. Der Autofokus der EOS R5 und der R6 jedoch bleiben sicher auf dem Motorrad, unscharfe Bilder sind in jeder Serie nur vereinzelt zu finden. Zudem sind mit beiden Kameras richtig schnelle und nahezu endlos lange Bildfolgen möglich. Mit der eingesetzten CFExpress-Karte stößt die R5 nie an Grenzen. Auch wenn ich den Finger mehrere Sekunden auf dem Auslöser lasse, fotografieren die Bodies pausenlos zwölf Bilder in der Sekunde mit dem mechanischen Verschluss, obwohl ich im RAW-Format fotografiere. Löst man elektronisch aus, sind sogar 20 Bilder pro Sekunde drin.

Seit ich mit der R5 und der R6 fotografiere, konnte ich mich auch in zahlreichen anderen Situationen voll auf den Autofokus verlassen. Die Augenverfolgung arbeitet nicht nur bei Menschen zuverlässig, auch schnell fliegende Vögel wie Turmfalken oder Singvögel im Geäst, selbst wenn sie noch recht klein im Bild sind, werden blitzschnell erfasst, scharf gestellt und ihre Bewegungen sicher mitverfolgt.

Canon EOS R5 mit EF 500/4.0 L IS II, 1,4x III, Blende 5,6, ISO 100, 1/8.000 sec
Canon EOS R5 mit EF 24-105/4.0 L IS II USM, Blende 13, ISO 200, 0,5 sec, LED-Panel, externer Blitz

Handhabung und Bedienkonzept von R5 und R6 im Vergleich zueinander
Beide Kameras liegen gut in der Hand. Die Handgriffe bieten sicheren Halt und die Finger finden spielend alle wichtigen Bedienelemente. Im Vergleich zur Vorgängerin, der EOS R und den aktuellen DSLR-Modellen gibt es aber durchaus einige wesentliche Veränderungen. So verfügen die R5 und die R6 im Gegensatz zu den älteren Canon-Modellen über drei Einstellräder, die individuell konfigurierbar sind. Ich habe die Kameras so eingerichtet, dass ich mit dem Zeigefinger die Blende verändere, mit dem Daumen auf der Oberseite die Belichtungskorrektur justiere und das rückseitige Rad zur ISO-Einstellung nutze.

Canon EOS R5 mit EF 16-35/2.8 L IS II USM, Blende 2,8, ISO 160, 1/320 sec

Glücklicherweise ist zudem die Touchbar der EOS R einem Joystick gewichen, der auf der Rückseite ganz oben liegt, direkt neben den AF-on-Tasten. Dort ist er gut erreichbar um AF-Felder zu verstellen. Die lassen sich alternativ auch durch Wisch-Gesten direkt auf dem Display verstellen. Sämtliche Tasten und Wahlschalter auf der Rückseite sowie im Bereich um den Auslöser herum sind identisch. Die Sucher zeigen sehr helle und große Bilder, und auch bei schnellen Bildserien ruckelt oder verdunkelt sich das Bild nicht, irgendein Nachteil gegenüber den besten optischen Suchern ist nicht zu erkennen. Die Auflösungen der Sucher und auch der Klappdisplays sind jedoch bei der R5 ein wenig höher als bei der R6. Darüber hinaus finden sich Canon-Fotografen sicher schnell in die Bedienung ein, da sowohl die Tastenbelegung als auch die Menüführung grundsätzlich übernommen wurde.

Canon EOS R5 mit EF 500/4.0L IS II, Blende 5,0, ISO 1.600, 1/2.000 sec

Die Abmessungen von R5 und R6 entsprechen nahezu denen der EOS R, der Body der R5 ist drei Millimeter breiter als derjenige der R6. Beide sind jedoch deutlich kleiner als z.B. die 5D Mk IV. Trotzdem liegen sie auch gut und sicher in großen Händen. Einsatzbereit wiegt die R5 rund 740g, die R6 ist gut 50 Gramm leichter. Optional ist für beide Gehäuse der Hochformatgriff BG-R10 erhältlich. Damit sind die Kameras deutlich größer und schwerer, haben aber Platz für einen zweiten Akku und bieten auch im Hochformat bei annähernd gleichen ergonomischen Verhältnissen den gleichen Funktionsumfang und die gleichen Einstellmöglichkeiten wie ohne Akkugriff.

Canon EOS R5 mit EF 24-105/4.0 L IS II USM, Blende 14, ISO 100, 20 sec, Graufilter

Beide Kameras verfügen – erstmals bei Canon – über einen internen Bildstabilisator, der mit den RF-Objektiven um bis zu acht Stufen verlängerte Belichtungszeiten ermöglichen soll. Diese Werte erreiche ich in der Praxis nicht, vielleicht sind es vier bis fünf Stufen, bevor Freihandaufnahmen verwackeln.

Canon EOS R5 mit EF 24-105/4.0 L IS II USM, Blende 10, ISO 400, 1/250 sec, Doppelbelichtung

Großartig finde ich, dass nahezu alle Kameramodelle der letzten Jahre mit demselben Akkutyp betrieben werden können. So gibt es zwar, um dem erhöhten Strombedarf der EOS R5 und der EOS R6 gerecht zu werden, mit dem LP-E6NH einen neuen Akku, doch lassen sich auch die alten LP-E6N-Akkus weiter nutzen. Wie viele Bilder genau mit einer Akkuladung (neuer Akkutyp) möglich sind, hängt ganz entscheidend von den Motiven ab. Während ich beim Motocross gut 1.100 Bilder mit einer Ladung fotografieren konnte, ist bei der Makrofotografie, wo ich mitunter lange Zeit zum Justieren und Einstellen benötige, teilweise der Akku schon nach 250 Aufnahmen erschöpft.

Canon EOS R5 mit EF 500/4.0L IS II, Blende 11, ISO 1.250, 1/2.000 sec

Die wichtigsten Unterschiede
Den äußerlich größten Unterschied zwischen R5 und R6 findet man auf der rechten Kameraschulter. Während bei der R5 ein kleines Display die wichtigsten Einstellungen anzeigt, findet man bei der R6 dort ein klassisches Moduswahlrad.

Canon EOS R5 mit RF 85/2.0 Macro IS STM, Blende 3,2, ISO 400, 1/400 sec

Die wesentlichen Unterschiede sind allerdings von außen nicht zu erkennen. Das ist vor allem die unterschiedlich hohe Auflösung der Sensoren. Bei der R5 sind es 45 Millionen Pixel, bei der R6 20 Millionen Pixel. Die einstellbaren ISO-Werte reichen dabei von ISO 100 bis ISO 51.200 an der R5 und bis ISO 102.400 an der R6. Während die R5 8K-Videos mit 30 fps aufnehmen kann, nimmt die R6 maximal 4K-Videos mit 120 fps auf. Beide Kameras bieten Platz für je zwei Speicherkarten. Die R6 verfügt über zwei SD-Steckplätze, bei der R5 sind es ein SD- und ein CF-Express-Fach. Die unterschiedlichen Inneren Werte schlagen sich dann auch in sehr unterschiedlichen Preisen wieder. Während die R5 knapp 4.500 Euro kostet, liegt der Preis für die R6 bei 2.700 Euro.

Canon EOS R5 mit EF 500/4.0L IS II, 1,4x III, Blende 5,6, ISO 100, 1/8.000 sec

Bildqualität EOS R5
Wie viele andere Fotografen sicher auch, wünsche ich mir seit Jahren eine Kamera, die sowohl eine hohe Auflösung als auch einen tollen Autofokus und eine schnelle Bildrate ermöglicht. Kurzum, ich möchte die eine Kamera, die alles kann. Und die EOS R5 kommt dieser Wunsch-Kamera sehr nah. Denn nicht nur in der Actionfotografie, sondern auch in der Landschafts- oder Makrofotografie schlägt sich die EOS R5 hervorragend. Neben der guten Auflösung kommt es mir hier vor allem auf ein gutes Rauschverhalten sowie einen hohen Dynamikumfang an. Und beide Anforderungen erfüllt die R5 sehr gut. So habe ich keine Skrupel, trotz der Auflösung von 45 Millionen Pixel, hohe ISO-Werte von 3.200 zu nutzen. Die Dateien weisen selbst dann kaum Verluste in der Darstellung von Details auf und das Helligkeitsrauschen ist immer noch nur dezent und gleichmäßig vorhanden. Daher sind Bilddateien bis ISO 3.200 praktisch uneingeschränkt nutzbar. Hellt man dunkle Bildpartien auf, wie ich das beispielsweise auf der mir zugewandten Seite des Motorradfahrers machen musste, verstärkt sich das Rauschen nur moderat. Das belegt, dass der Dynamikumfang einerseits ohnehin gut ist und andererseits für die Bildbearbeitung noch genügend Reserven besitzt. Ab ISO 6.400 macht sich dann doch ein Detailverlust bemerkbar und das zunehmende Rauschen ist auch durch Bildbearbeitung nicht vollständig zu kaschieren, dennoch liefern auch mit ISO 25.600 aufgenommene Bilder erstaunlich gute Dateien.

Canon EOS R5 mit EF 24-105/4.0 L IS II USM, Blende 10, ISO 1.000, 1/2.000 sec, Doppelbelichtung

Bildqualität R6
Auch die Bilder der R6 fallen durch eine tolle Bildqualität auf. Der Dynamikumfang ist vergleichbar mit dem der R5, im Rauschverhalten bietet die R6 nur einen kleinen Vorteil gegenüber der R5. Dem Augenschein nach ist es weniger als eine Belichtungsstufe, um die das Helligkeitsrauschen der R6 besser ausfällt als das der R5. Lassen sich bei der R5 Bilder noch uneingeschränkt nutzen, die mit ISO 3.200 aufgenommenen wurden, liegt bei der R6 die Grenze bei ISO 4.000 bis ISO 5.000.

Canon EOS R6 mit EF 70-200/2.8 L IS II, Blende 8, ISO 320, 1/80 sec
Canon EOS R6 mit EF 2,8/70-200 L IS II mm, 1,4x III, Blende 8, ISO 200, 1/160 sec

Was ich mir noch wünsche
Eigentlich nicht viel. Dass der On-/Off-Schalter nach rechts wandert, so dass man die Kamera wirklich vollständig mit der rechten Hand bedienen kann. Und mich stört, dass ich im AF-Verfolgungsmodus nicht in das Bild hinein vergrößern kann, dafür muss ich beispielsweise den Einzelfeld-AF nutzen.

Canon EOS R5 mit RF 85/2.0 Macro IS STM, Blende 10, ISO 1.250, 1/250 sec

Fazit – Welche Kamera für welchen Zweck?
Beide Kameras haben eine tolle Performance mit rasend schnellem und treffsicheren Autofokus bei hohen Bildraten und praktisch unbegrenztem Pufferspeicher. Das Bedienkonzept beider Bodies ist ausgereift, alle Bedienelemente sind sinnvoll angeordnet und gut erreichbar. Und sie lassen sie sich „blind“ nebeneinander nutzen, obwohl sie sich beim Schulterdisplay bzw. Moduswahlrad unterscheiden.

Canon EOS R6 mit EF 70-200/2.8 L IS II, 1,4x III, Blende 4, ISO 4.000, 1/8 sec

Auch die Bildqualität beider Kameras ist sehr gut. Ihr Dynamikumfang ist hoch und das Rauschverhalten überzeugt selbst bei der R5 vollends, und es ist deutlich besser als bei der 5D Mark IV oder der EOS R. Erst bei ISO-Werten ab etwa 4.000 zeigt hier die R6 gegenüber der R5 leichte Vorteile.
Mindestens für alle Canon-Fotografen ist die R5 das neue Maß der Dinge. Fotografisch ist die R5 auf jeden Fall allen denkbaren Situationen mehr als gewachsen. Mit einem Preis von aktuell rund 4.500 Euro ist die R5 natürlich nicht billig, aber angesichts des Funktionsumfangs durchaus im Wortsinne preiswert.

Canon EOS R5 mit RF 85/2.0 Macro IS STM, Blende 2, ISO 100, 1/500 sec

Auch die R6 ist eine tolle Kamera, die allerdings wesentlich günstiger ist. Welche Kamera man bevorzugt, wird daher vor allem davon abhängen, welche Motive man für welchen Zweck fotografieren will. So gibt es durchaus viele Situationen, in denen ich vorher weiß, keine 45 MP-Bilder zu benötigen. Zudem macht sich die viel kleiner Datenmenge der R6 im täglichen Workflow bemerkbar. Mein Computer benötigt für die Verarbeitung der 20 MP-Bilder deutlich weniger Zeit und auch der Bedarf an Speicherplatz ist deutlich geringer.

Canon EOS R5 mit RF 85/2.0 Macro IS STM, Blende 4, ISO 320, 1/400 sec
Canon EOS R5 mit RF 35/1.8 Macro IS STM, Blende 2, ISO 100, 1/200 sec
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