Ab Morgen Erinnerung

Aus aktuellem Anlass zeige ich heute mal keine Naturbilder. Denn um 18 Uhr werden gleich im gesamten Ruhrgebiet die Kirchglocken läuten. Ein letztes Symbol für das Ende des Steinkohlebergbaus.Die Menschen haben die Kohle als Brennstoff schon zu nutzen gewusst, als viele von ihnen noch als Nomaden hinter den Viehherden herzogen. Und schon im 14. Jahrhundert wurde die Kohle professionell abgebaut. Die zumeist in den engen Stollen eingesetzten Kinder und all jene, die von der gebückten Arbeitsweise im Halbdunkel ihre Statur deformierten, haben als Zwerge Einlass in unsere Mythenwelt gefunden. Was sicher keinem von denen ein Trost sein dürfte.

Blick von Halde Haniel Richtung Nordwest über das Ruhrgebiet. Es versinkt nur selten so hübsch im Nebel, aber auch sonst sieht man weniger als man erwarten würde. Wälder und Bäume bestimmen von oben das Landschaftsbild. Naja, und eben ein paar Türme, Schlote und Förderräder.

Meine Heimat, das Ruhrgebiet, ist durch die Steinkohle und den Bergbau unübersehbar geprägt worden. Als Franz Haniel in der Mitte des 19. Jahrhunderts die vertikale Bohrung einführte und so auch Kohle in sehr tiefen Erdschichten erreichbar werden liess, strömten Menschen aus vielen Teilen des damaligen Deutschen Reichs und angrenzender europäischer Nachbarn ins Revier. Denn nun gab es hier Arbeit, da der Brennstoff die Industrialisierung massiv vorantrieb. Die Arbeits- und Lebensbedingungen waren dennoch miserabel, insbesondere nach der ersten Wirtschaftskrise. So entstanden im Ruhrpott auch die ersten Gewerkschaften auf heimischen Boden. Und man lernte schnell, auch mit Menschen anderer Sprache und Heimat zurecht zu kommen, da der gefährliche Beruf einte. Eine gewisse Gelassenheit gegenüber Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen anders sind, blieb auch bis heute erhalten. Nur als Naturfotograf erntet man manchmal einen schrägen Blick. Das einer Vögel knipst ist dann doch ein dicker Hund.

Leben direkt am Arbeitsplatz. Hat Vor-und Nachteile. Wie immer im Leben.

Kohle entstand vor Jahrmillionen aus verottetem Pflanzenmaterial. Daraus lässt sich schön ersehen, dass es hier an Emscher und Ruhr einst große Wälder gab, denn die dicken Kohleföße gingen sicher nicht allein aus Brennnesseln und Gänseblümchen hervor. In den Heimatmuseen stehen Mammutskelette und andere Fundstücke aus jener Zeit, die nicht selten durch die bergmännische Tätigkeit ans Tageslicht befördert wurden. Hier gab es also ein überbordendes Leben. Damit war natürlich spätestens mit Einzug der Industrie Schluß. Heute kommt die Natur zurück, da viele Industriebrachen ganz wunderbare Lebensräume darstellen. Aber diese werden wahrscheinlich dem eingeläuteten Strukturwandel größtenteils wieder zum Opfer fallen.

Vor kurzem war ich am Förderturm der ehemaligen Zeche Erin ist Castrop-Rauxel. Hier wird immer um die Weihnachtszeit herum der Turm mit einem Laser angestrahlt, was ganz nette Effekte hervorruft. Man kann aber auch wegen der Turmfalkne da hin. Die Wiesen sehen aus wie Schweizer Käse, das Nahrungsangebot ist also hoch.
Von diesem Turm aus wird der Strahl losgeschickt.

Nun ja, aus den toten Pflanzen wird zunächst Braunkohle. Diese wiederum gelangt durch Überflutungen und Erdbewegung immer tiefer, wo sie Dank steigendem Druck und höheren Temperaturen zur Steinkohle wird. Das ist aber auch das große Problem. Denn manche Steinkohlefelder liegen bis zu 1,5 Kilometer tief in der Erde. Das macht ihren Abbau teuer und heute eben unrentabel. Und nicht zuletzt ist die Kohle auch aufgrund ihrer wenig klimafreundlichen Verbrennungsrückstände in Verruf geraten. Und so hat man vor einigen Jahren beschlossen, das am 22. 12. 2018 die Arbeit in den letzten beiden Bergwerken Ibbenbüren und Prosper Haniel für immer beendet wird. Damit steht eine komplette Region, wie zuvor auch das Saarland, vor dem Neuanfang. Dieser nennt sich Strukturwandel. Ich bin neugierig, ob die dafür Verantwortlichen die Bedürfnisse der Menschen realistisch einschätzten und berücksichtigen werden. Man kann ihnen nur ein glückliches Händchen, gute Ideen und Umsicht wünschen, denn auf ihnen lastet auch eine enorme Verantwortung. Wenn man bedenkt, das im Pott grob 5 Millionen Menschen leben, von denen die Hälfte direkt oder indirekt mit dem Bergbau existenziell zu tun hatte, nimmt es mich Wunder, dass man manchmal den Eindruck gewinnen kann, dass der eigentlich nicht sonderlich großen Berufsgruppe Landwirt (knapp 2% der Bevölkerung) doch manchmal mehr Aufmerksamkeit und Fürsorge entgegengebracht wird.

Mir gefiel die mittige Position auf einem der Hügel im angrenzenden Park besonders gut. Für die Falken war ich aber an dem Tag zu spät da, der Vogel, den ich beobachten konnte, schien aber nicht allzu ängstlich zu sein.

Wie gesagt, ich bin auf den Strukturwandel mal gespannt. Auf dem Gelände der Zeche Haniel in Bottrop, gleich bei mir um die Ecke, findet auch die Abschlussfeier statt. Lichtershow, huldvolle Reden sollen einen feierlichen Abschluss bilden. Sogar der Bundespräsident wird erwartet. Schön. Wer aber irgendwie nicht da hin kann, ist das Volk. Arbeiter eben. Geladene Gäste, aber kaum diejenigen, die das Ganze tatsächlich betrifft. Gleiches Bild am Tag zuvor im Essener Dom. Es wäre schön, feierlich und respektvoll gewesen, die Bevökerung zum zahlreichen Erscheinen aufzurufen. Als ich vorgestern auf Schalke war, konnte ich erleben, wie es anders gehen kann. Zahlreiche Fans kamen in Bermannsmontur, die Nordkurve zeigte eine gelungene Choreo und als der Chor der Ruhrkohle AG das Steigerlied auf dem Spielfeld intonierte, stimmten fast alle der 60.000 Kehlen im Stadion beim Refrain mit ein. Ich, dessen Vater noch in Schlesien einen fast verschütteten Kumpel nach draußen brachte, hier dann selber von herabfallendem Gestein verletzt wurde und vor drei Jahren an einem Tumor gestorben ist, der auf Asbestnutzung im Arbeistablauf zurückzuführen ist, ich habe nie viel Sinn für die romantische Sicht auf den Bergmannberuf gehabt. An diesem Abend aber habe ich verstanden, das Traditionen und Kult nötig war, um einen dermaßen gefährlichen und ungesunden Beruf auszuüben, ohne bekloppt zu werden da unten. Das man einen ungemeinen Zusammenhalt brauchte. Vertrauen zu seinem Nebenmann. Und dass das Wirtschaftswunder kein Wunder war, sondern Ergebniss der Leistungsbereitschaft der Kumpels auf dem Pütt und der Männer am Stahlofen. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl, das die Leute singend zum Ausdruck brachten, wird auch in Zukunft nötig sein. Und man hätte im Essener Dom und auf Haniel ein starkes Zeichen dafür setzen können.

Im Hintergrund der Förderturm der Zeche Haniel und die aufgeschüttete Halde. Hier ruft der Uhu und wandern Erdkröten durch. Letztlich hat die Region auch mich und meine Arbeit als Naturfotograf geprägt. Es wird auch weiterhin unsere Aufgabe sein, hinzuschauen, im Bild festzuhalten und den Menschen zu erzählen, was es alles um uns herum zu entdecken gibt. Vor der Tür, in Deutschland und der Welt.

Zwei Dinge noch. Erstens: Im Ruhrgebiet lässt es sich ganz wunderbar fotografieren. Die Tiere sind meist recht entspannt, und es gibt sie sogar. Auch wenn viele es nicht glauben mögen. Daneben aber eben auch all die Zeugnisse menschlichen Schaffens. Und Zweitens: Wenn die Bergleute so gearbeitet hätten, wie die Schalker Elf nach der wunderbaren Zeremonie gespielt hat, hätte Deutschland nie ein Bruttosozialprodukt über dem der Fidji-Inseln erreicht. Da haben wir alle ja nochmal Glück gehabt.

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4 thoughts on “Ab Morgen Erinnerung”

  1. Markus Botzek, der Tier- (sorry: Natur-) Fotograf und Philosoph! Kaum ein Anderer hätte diese Synthese aus Vergangenheitsbewältigung, Zukunfts(er)mahnung und (Natur-)Photographie geschafft. Aber die Zeitenwende im Ruhrgebiet bietet beste Grundlage für eine solche Synthese: Wo in Europa kann man wohl den brütenden Flussregenpfeifer vor der Kulisse eines alten Stahlwerks fotografieren, wo spielende Fuchs-Welpen vor einem Ikea-Reklameschild? Bestimmt nicht im Sarek-Nationalpark oder im Donaudelta, sondern genau hier, hier „im Kohlenpott“ zwischen Rhein, Lippe und Emscher.

    Aber genau das verdeutlicht auch eine ziemlich unbequeme Wahrheit:

    Artenvielfalt spielt sich zunehmend in Ballungsräumen ab – erst recht in solchen, wie dem Ruhrgebiet, in dem es Strukturwandel-bedingt große unbebaute, brachliegende Flächen gibt – noch gibt. Denn draussen „vor den Toren der Stadt“, regieren Glyphosate, Neonikotinoide, Maisäcker und immer noch Quadratkilometer grosse Fichtenmonokulturen.

    Suchen Sie hier vielleicht eine Feldlerche? Fotoentfernung aus dem parkenden Auto etwa 8 Meter? Perfekt für die fast formatfüllende Abbildung per 4.0/600mm? Ja? Kein Problem! Sie können geholfen werden ;-): Gleispark Bottrop, nahe Centro-Oberhausen, 5 Minuten von der A 42. Und Futter für´s 2,8/105 gibt´s hier auch: Weinhähnchen, Wespenspinnen, Kreuzkröten, Mauereidechsen und Wanderfalter auf blühendem Schmetterlingsflieder. Und Uhus gibt’s auf Zeche Ewald in Herten, Seeadler und Biber auf der Bislicher Insel bei Wesel, jede Menge Ringelnattern im Emscherbruch in Bochum, neuerdings GW954f (German Wulf 954 female) nördlich Kirchhellen bei Bottrop und Bienenfresser in dieser Abgrabung bei – nee, das sag´ ich jetzt doch besser nicht!

    Wo Sie nicht geholfen werden? Auf´m Acker, vor den Toren der Stadt!

    Ein wunderschönes 2019 und I´m sooooo sorry for inconvenient truth.

    1. Hallo Peter, alles was ich vergessen habe, an dieser Stelle über den Pott zu erzählen, hast du mir dankenswerter Weise abgenommen. Mir kam beim lesen deines Kommentars der Gedanke, dass das Ruhrgebiet noch so manchen Blogbeitrag abwerfen könnte…

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