Trotz miesen Wetters

Das Wetter war zumindest in unserer Region des westlichen NRW in den letzten Wochen perfekt dazu geeignet, um Trübsal zu blasen. Zum Fotografieren musste ich praktisch erst gezwungen werden.Mitte November stand nämlich ein Fotowalk an, bei dem ich die Teilnehmer mit auf eine Halde nehmen wollte. Es regnete am Morgen ohne Unterlass. Wie auch schon am Tag zuvor. Feiner Sprühregen, keine unwetterartigen Zustände. Aber dennoch wenig verlockend, sich selbst und eine Kamera da hinaus zu bringen. Warm war es zudem auch nicht gerade. Verständlicherweise trudelten ein paar Absagen ein, und als ich mich zum Treffpunkt aufmachte, ging ich davon aus, dass die Übrigen halt ohne Abmeldung der Veranstaltung fern bleiben werden. Oder sagen wir ehrlicherweise mal, ich hatte es ein bißchen gehofft. Aber Pustekuchen. Ein paar wackere Fotografen trafen ein, und jetzt mussten wir auch los. Und das war auch gut so.

Einfach mal aus der Hand „gewischt“. Vom Stativ sieht das sauberer aus, dann entfallen aber unter Umständen genau die kleinen Fehler, die es manchmal spannender machen. Da muss man halt ausprobieren.

Schon während des recht kurzen Fußmarsches bis hin zur kleinen Halde waren wir nass. Hat man so ein Stadium erst einmal erreicht, stört einen der weitere Niederschlag nicht mehr so sehr. In Finland gab mir mal einer den Tipp, ich solle mich ausziehen und eine Zeit lang von allen Mücken, die gerade vorbei kommen, stechen lassen. Nach dem 1000. Stich würde man dann nix mehr merken. Mag sein…

Letztlich kann man für jedes Bild immens viel Zeit aufbringen, bis einem der Grad der Unschärfe, die Intensität der Bewegung oder der richtige Bildausschnitt gelingt und man selber zufrieden ist.

Allen fiel auf, dass die Farben im Wald, jetzt wo er so richtig nass war, ausgesprochen kraftvoll wirkten. Aufgrund der nassen Blattoberflächen ist dies eigentlich die Stunde des Polfiters. Denn es können ja bekanntlich kleine Reflexionen auf Tropfen und nassen Blattoberflächen entstehen, die wiederum den weißen Himmel spiegeln und so die Blätter farblos erscheinen lassen können. Wir hatten Glück, und der feine Regen hörte sogar mal auf. Jetzt konnte man die Kamera bedenkenlos aus der Tasche holen, Filter vor die Linsen schrauben oder es bleiben lassen, und das Stativ aufstellen. Auf jeden Fall aber konnte man loslegen. Und entgegen meiner noch kurz zuvor unmotivierten inneren Haltung lagen jetzt, auf einem recht kleinen Areal, relativ  viele Motive vor mir. Wieder einmal kommt mir der Spruch von Dieter Damschen in den Sinn. „Motiv kommt von Motivation“. Ob es nun wirklich sein Spruch ist, weiß ich nicht, aber er haut ihn halt oft raus. (dazu kann er sich hier ja gerne mal äußern)

Es ist bei den Doppelbelichtungen schwierig, das Bild zu gestalten. Da sind spiegelose Kamerasysteme, die ggf. das erste Bild am Monitor anzeigen, von großem Vorteil. Habe ich leider nicht.

Wenn aufgrund der Lichtsituation die Verschlusszeiten eher lang werden, kann es Sinn ergeben, sich von vornherein von dokumentarischen und knackig scharfen Bildern zu verabschieden. Und die Gelegenheit wahrzunehmen, es spielerisch anzugehen. Lässt man sich darauf ein, kommt einem alles mögliche in den Sinn. Und so probierten wir es neben Wackeln und Wischen auch mit Doppelbelichtungen.

Man kann das Thema bis in die Dunkelheit hinein ausdehnen.
Bei mehr als zwei Belichtungen wird es schwieriger, etwas klar sichtbar erscheinen zu lassen. Klappt dies, ist der Effekt oft spannender.

Aufgrund der Erfahrung, das bei jedem Wetter irgendwas geht, startete ich ein paar Tage später einen Ausflug zu den Gänsen an den Niederrhein. Die Vögel hatten bei dem Nieselregen keine Lust herumzufliegen oder überhaupt etwas zu machen, sodass es leider eher langweilig war. Und so liess ich die Bläßgänse erstmalig in ihrem Leben in den Pappeln nach Futter suchen. Aus naturkundlicher Sicht eine eindeutig überflüssige Aktion, und wenn ich mir das Bild so anschaue, hat es vorallem den Wert, dass ich eine Weile mit etwas beschäftigt war. Aber erstens kann man nie wissen, ob bei so einem Versuch nicht ein Siegerbild entsteht, und zweitens war ich draußen, wo ja auch irgendwie etwas tatsächlich überraschend vernünftiges hätte entstehen können. Jedenfalls eher als auf dem Sofa, wo ich ohne dem Gedanken im Hinterkopf „zur Not machste irgendetwas mit langer Zeit oder rumzappeln“ vielleicht auch geblieben wäre.

Vielleicht müsste man es irgendwie noch anders beschneiden. Oder von vornherein beim fotografieren ernster nehmen.

Und so bin auch weiterhin regelmäßig losgezogen, auch wenn da draußen nichts für eine Fototour gesprochen hat. Das behalte ich auch bei. Ein kleiner Spaziergang durch den nahen Park oder Wald, eine halbe Stunde Zeit reichen aus, um sich mit der Kamera, der Natur, sich selbst und einer Bildsprache zu beschäftigen, von der man durch kurze Verschlusszeiten und singenden Rotkehlchen noch oft genug abgelenkt werden wird, wenn sich die äußeren Bedingungen wieder mal ändern sollten.

Ein winterlicher Wald ist erstaunlich reich an nuancierten Farben.
Und was nicht da ist, kann man sicher am Rechner hinein tun. Bei derartigen Bildern, die nicht primär die Realtität der Welt darstellen sollen, hat man sicher freiere Hand in der Nachbereitung.
Auch die Staffelei eines Malers hat drei Beine. Schon gut, ein kühner Vergleich, zumal ich aus der freien Hand gewerkelt habe.
Meine Mutter, die mich bei diesem Gang durch Feld und Flur begleitete, wunderte sich sehr, wozu ich noch die längere Brennweite rausholte… Mir hat es Spaß gemacht. Und mich interessierte, wie unterschiedlich der Effekt meiner Kamerabewegung ausfallen würde.

Man muss den Widrigkeiten halt auch mal trotzen. Hin und wieder wird dadurch auch klar, dass sie gar nicht mal so schwerwiegend sind.

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One thought on “Trotz miesen Wetters”

  1. Trotz oder wegen „miesen“ Wetters. Kreatives Fotografieren ist wie Kleidung. Denn bekanntlich soll es ja gar kein schlechtes Wetter geben – nur schlechte Kleidung. Umkehrschluss: Es gibt für´s Fotografieren eigentlich auch kein zu schlechtes Wetter. Nur zu schlechte (ungeeignete) Fotografen. Oder eben sehr geeignete… kreative… einer davon hat seinen inneren Schweinehund überwunden und hat bei „miesem“ Wetter Bäume fotografiert. Gut so, wir sollten das alle üben. Denn bremst der immer geringer werdende Temperaturunterschied zwischen Nordpol und den südlicheren Breiten weiterhin den Jetstream, dann werden wir in den kommenden Wintern immer mal wieder lang, lang anhaltende Wetterlagen haben – und darunter ist dann eben auch mal Novemberwetter von Oktober bis Januar – oder länger. Also: Runter von der Couch und rein in Wald, Feld und Flur!

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