Im Wandel

Ob man es wahrhaben will oder nicht. Die Welt ist gegenwärtig in einer Phase des Wandels, zumindest beim Klima offenkundig. Das führt auch zu Auswirkungen, auf die man im ersten Moment vielleicht nicht kommt.

In diesem Blog habe ich ja schon einmal über meine Zeit an einem auf den ersten Blick unansehnlichen Storchenhorst berichtet. In diesem Jahr stand ich wieder ein paar Mal bei den Störchen, wenn auch an anderer Stelle. Mir gefallen die Vögel einfach. Sie sind farblich ansprechend und recht groß, so dass man auch was im Bild hat, ohne dem Motiv immer gleich ganz dicht auf die Pelle bzw. das Gefieder rücken zu müssen. Ich hatte das Glück, einen Horst zu finden, der erheblicher hübscher als der letzte war und auch eine nette da geringe Höhe aufwies. In den Tagen, die ich in die Fotoarbeit mit den Störche investierte, machte ich mir allerlei Gedanken. „Hoffentlich sind die nächstes Jahr wieder hier, damit ich schon eher, wenn die Jungen noch klein sind, zurück kommen kann“. Oder solche über das Licht, aus welcher Richtung es wohl am Morgen kommt und ob es sich lohnt, dafür sehr früh das Bett zu verlassen. Die üblichen Naturfotografengedanken eben.

Mal mit weißem überstrahltem Sommerhimmel…

… mal mit Brennesseln als unscharfes Element

Schnell hatte ich für die meisten Fragen eine Antwort. Fehlendes Gebüsch, durch das man vielleicht hindurch fotografieren und damit dem Zeitgeist Genüge tun könnte, wurde kurzerhand durch Brennnesseln ersetzt, die sich als unscharfe Flecken im Bild erstaunlich gut machen. Leider heißen die ja nicht aus Jux und Dollerei so. Sie brennen halt, wenn man sie berührt. Dass ich diesen Umstand in Kauf nahm und mehr oder weniger klaglos ertrug, zeugt davon, dass ich diese Art von Bildern aber schon auch sehr mag. Muss man schon auch, denn es braucht seinen Moment, bis man die richtige Lücke und Fleckenanordnung gefunden hat. Brennnesseln sollen aber ja auch gut für die Durchblutung sein.

An einer alten Brücke im Wendland
Kunsthorst am Niederhein

Wann immer ich Störche sehe, analysiere ich die Szene im Hinblick darauf, ob man nicht den Fotoapparat auspacken soll. Und auch an einem der üblichen hohen Kunsthorste packte es mich schnell und auch dieses Jahr wieder, weil das Licht und das agieren der Vögel vielversprechend erschien. Während ich da so vor mich hin fotografierte, erfuhr ich von einer daneben stehenden Naturfotografin, dass die Störche in diesem Jahr ein wenig negative Auswirkungen auf die Bodenbrüter hatten. Ich fragte nach und erfuhr weiter, dass die Burschen sich auch an Kiebitzküken und anderen laben. Oha. Mit einem Mal kamen mir andere Gedanken als noch die Tage zuvor. Wenn man nun zum Schutz der Bodenbrüter deren Nestareale einzäunt, damit Fuchs und Marder nicht rankommen, aber der Storch sich halt von oben bedient, ist das suboptimal. Man konnte raushören, dass die positive Entwicklung der Storchenpopulation schön ist, aber eben auch Begleiterscheinungen hat. In einer Welt, die immer weniger Nahrungsflächen zur Verfügung stellt, in der Insekten, Amphibien, Reptilien, Fische und eben auch die meisten Klein- und Wiesenvögel immer weniger werden, muss der Storch jede Futterquelle nutzen. Aber er wird somit auch zu einer ernsten zusätzlichen Gefahr für andere Arten. Ich erinnere mich an eine Szene aus dem Burgenland. Jahre her. Da erbeutete ein Storch vor meinem Auto Zauneidechsen. Eine nach der anderen. Als die fünfte, ein wundervoll grün gefärbtes Männchen, im langen Hals von Adebar verschwand, konnte ich nicht mehr an mich halten und stieg aus. Woraufhin der Storch abflog und anderswo hoffentlich dusseligen Wühlmäusen nachstellte.

Gelbbauchunke
Laubfrosch

Wer also gerade aktiv im Schutz etwa von Amphibien steckt, oder wie ich seltene Echsen schlechter gönnen kann als sehr häufige Nager, kann auf ähnliche Gedanken kommen wie die Kollegin, die sich um Wiesenvögel kümmert. Von der Gelbbauchunke, die ich als Kind im Bayernurlaub mit den Eltern ständig fand, gibt es in NRW nur noch inselartige Restvorkommen, die engagiert betreut werden.Oft sind diese Populationen auch nicht gerade Individuenstark. Der Besuch eines Storches könnte daher eine ganze Population auslöschen, sollte der sich einen kleinen Imbiss gönnen.

Spannend. Da freut man sich, dass der Storch am Rande des Ruhrpotts wieder allgegenwärtig ist. Und muss sich bewusst machen, dass in unserer aus dem Ruder gelaufenen Welt dies auch eine Kehrseite haben kann. Bei einem anderen Gefiederten Freund ist das ja hinter vorgehaltener Hand schon länger Thema. Halbwegs verbürgt ist folgendes Gespräch an einem NABU- Stammtisch. „Und, was macht deine Schleiereule?“. „Hm, hab ich jetzt schon eine Weile nicht mehr gehört“. „Ach, und bei dir, der Steinkauz?“. „Naja, hab nicht so drauf geachtet, aber wenn ich so nachdenk, hab ich den auch schon länger nicht mehr gesehen“. „Das ist ja schade. Und was macht der Uhu im Steinbruch?“. „Ja der ist da!“

Uhu auf Zeche Ewald

Der Uhu ist halt ein sehr effektiver Jäger. Und räumt Konkurenz gern mal aus dem Weg. Das mussten auch schon Wanderfalken erfahren und sogar die Erstbrut eines Sakerfalken in Sachsen hat er mal verhindert. Da kennt der nix. Schnell wandelt sich da Sorge und Zuneigung in andere Gefühle. Das könnte natürlich auch anderen so gehen. Und ich meine nicht etwa den Rabauken mit der Gesichtsmaske, bei dem man zwangsläufig zwischen „ach wie putzig“ und „wat´n Drecksack“ hin und her pendelt. Nein, nein. Stellen wir uns doch mal vor, das Verschwinden der Insekten geht so weiter. (und mal im Verrauen, was soll es denn aufhalten?) Dann könnte ein heute total beliebter Zugereister, ein Nutzniesser des Klimawandels, auch ganz schnell in der Beliebtheitsskala nach unten sinken. Denn der Bienenfresser mag alles, was Makrofotografen auch gern haben.

Los gehts auf Libellenfang

Zugegeben, das mag gegenwärtig noch etwas absurd klingen. Aber wenn man einen Schuldigen braucht, gehen Lobbisten, Politik und Spinner gerne mal absurd vor. Das hat die Geschichte oft genug bewiesen. Und um Bienen zu retten, die ja für unsere Lebensmittel eine gewisse Bedeutug haben, würde man eher einen bunten Vogel abschiessen als Produktions- und Konsumstrategien zu ändern. Spätestens wenn ein Tier in noch so geringer Weise menschliche Aktivität beschränkt oder sein Ästhetikempfinden beeinträchtigt, hat es in der öffentlichen Meinung einen schweren Stand. Graugänse, die zu meiner Schulzeit noch in Westdeutschland verschwunden waren, erregen heute teilweise in Kooperation mit kanadischen Verbündeten die Gemüter, weil sie Gehwege vollkoten.

Es liegt auch an uns Naturfotografen, nicht nur stillschweigend zu fotografieren, solange noch was da ist. Wenn wir wollen, das unsere Motive und eben hat auch eine lebendigere Welt erhalten bleibt, müsen wir uns auch zunehmend regen. Denn Naturschutz gefährdet nicht etwa unseren Wohlstand, wie ein Dieter Nuhr im TV gerne mal zum Besten gibt. Es geht lediglich um Luxus. Und das ist was ganz anderes.

Graugänse in einer taunassen Wiese.

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