Nachhaltig fotografieren

Nachhaltigkeit ist auch in der Fotografie zunehmend Thema. Schön, wenn man da ein kleines Projekt direkt vor der Haustür findet, dass man bequem zu Fuß erreichen kann.

Vor ein paar Wochen konnte ich vom Balkon aus einige Krähen und Dohlen beobachten, die sich in den großen Bäumen am Rand unseres Stadtparks gegen Abend sammelten. Dabei erinnerte ich mich, dass mir ein Bekannter davon berichtet hat, dass sich einige Rabenvögel in der Gegend eingefunden haben. Und so fasste ich den Entschluss, mir die Sache in den nächsten Tagen einmal genauer anzusehen. Zuerst musste ich feststellen, dass die Vögel ihren Sammelplatz wieder verlagert hatten. Meine vorangegangene Beobachtung war auf eine Störung im Park zurückzuführen, und da diese am nächsten Tag ausblieb, nahmen die Vögel wieder auf den schon zuvor von ihnen genutzten Bäumen Platz. Dagegen hatte ich auch nichts einzuwenden.

Direkt vor dem Eingang unseres Kunstmuseums stehend, konnte ich dem Einflug der schwarzen Gesellen beiwohnen. Mal zu zweit, dann wieder einzeln oder in kleinen Gruppen, trafen die Mitglieder der Schlafgemeinschaft ein. Hin und wieder meldeten sich die Rabenkrähen mit einem heiseren Krächzen an, während die Dohlen recht lautstark und im Chor ihr Eintreffen als auch ihre Gegenwart bekundeten. Als ich nach Hause ging, merkte ich, dass mir die Vögel Spaß bereitet haben und seither finde ich mich fast jeden zweiten Abend unter den Krähenbäumen ein.

Ein erstes Bild vom Balkon aus war der Anfang

Die Kommunikationsfreudigkeit der Vögel ist in vielerlei Hinsicht hilfreich. Zum einen hört man sie und weiß, dass sie da sind, falls es schon dunkel ist und sie in den Bäumen schwer zu entdecken sind. Zum anderen nützt es, dass sie ihr Kommen ab und an ankündigen, wenn man sich auf Flugbilder einlassen will. Aufgrund der für wirklich scharfe Bilder zumeist nicht ausreichenden Verschlusszeiten am Abend lasse ich mich von vornherein auf „Wischerbilder“ ein. Da ich aus der freien Hand arbeite, um einfach flexibler zu sein, mache ich das meist zu Beginn des Einflugs, wenn man noch mit einer 1/60 s arbeiten kann. Selbst dabei entstehen oft völlig missratene „Kunstwerke“ auf denen man selbst nach Genuss diverser bewusstseinserweiternder Substanzen nix erkennen könnte. Aber manchmal klappt es doch soweit, dass mir ein Bild gefällt. Klar, dass ist dann immer noch Geschmackssache, aber gerade Rabenvögel haben ja doch etwas mystisches an sich. Und dass kann in ein wenig abstrakt geratenen Bildern zum Ausdruck kommen.

Dohlen im lautstarken Anflug

Aber auch wenn das Licht zunehmend nachlässt und die Verschlusszeiten immer länger werden, kann man sich weiter darin versuchen, Flugbilder zu machen. Wenn man denn derartige Ergebnisse mag. Natürlich wird die Ausschussrate immer höher, wenn die Verschlusszeiten länger werden. Aber ist dann mal ein Bild mit gewisser Grundschärfe dabei, ist die Wirkung umso spannender. Somit muss man bei 1/25 s die Actionfotografie noch lange nicht einstellen. Wichtig erscheint mir, dass man den Autofokus ausschaltet und mal wieder von Hand fokussiert. Denn spannend sind solche Wischer nicht allein durch die fliegenden Vögel. Vor freiem Himmel etwa sieht man ja nichts von der Dynamik des Fluges, da man ja auch nichts groß verwischt. Erst indem man Bäume und Sträucher in das Bild einbindet, bekommen die Bilder ihren Reiz. Und der AF wird meist von den vielen Linien und Strukturen abgelenkt. So dürften mehr Fehlschüsse produziert werden als bei manuellem Fokussieren.

Der Waldgeist
Hugin und Munin auf Erkundungstour

Die Vögel bei uns im Park haben leider die Angewohnheit, nicht jeden Abend das gleiche zu tun. Sie wechseln schon mal ihre Versammlungsbäume und Einflugrichtungen. Das macht es schwieriger, aber eben auch interessant und immer wieder etwas neu. Und man kommt als Fotograf auch mal in Bewegung und steht nicht immer nur an der selben Stelle herum.

Die Bilder haben zumeist einen Schwarz-Weiß-Charakter, aber das gefällt mir gerade auch ganz gut.

Ich achte darauf, möglichst unterschiedlich dunkle Bereiche der Bäume mit ins Bild zu bekommen, um in den ja doch recht farblosen Bildern möglichst viele und deutliche Kontraste zu bekommen. Zumindest da wo es möglich ist. Sitzen die Vögel ganz oben in den Baumkronen, wird das schwierig. Dann aber kann man sich wieder mit längeren Verschlusszeiten behelfen, um über die unscharfe Bewegung anlandender Einzelvögel die Bilder spannender zu gestalten.

Immer wieder fliegen die Gruppen auf und reissen die Kollegen auf den Nachbarbäumen mit. Bei aller Bewegungsunschärfe ist es von Vorteil für die Bildwirkung, den ein oder anderen scharfen, still sitzenden Vogel dabei zu haben.

Irgendwann fliegen die Vögel vom Sammelplatz gemeisam weiter zum eigentlichen Schlafplatz und machen nochmal einen Zwischenstopp an der nahen Eisenbahnlinie. Dort besetzen sie meist einen der Strommasten, was nochmal andere Bildmöglichkeiten bietet. Da es zu der Zeit schon recht dunkel ist, kann man mit vertretbaren ISO-Werten keine scharfe Bewegung mehr im Bild festhalten. Gelingt es, den Mast mit seinen klaren Konturen scharf zu bekommen, kann man einen schönen Kontrast zwischen dem scharfen Stahl und den weichen Bewegungen der Vögel erzeugen. Die Spiegelvorauslösung ist da ganz hilfreich. Leider wird man mit ihr aber immer den besten Moment des Abflugs der Vögel verpassen. Da muss man immer probieren und Entscheidungen fällen.

Ein Platz ist noch frei

Mir macht es großen Spaß, am Abend noch mal eben ein paar Bilder zu machen, frische Luft um die Nase zu haben und trotz des eigentlich immer gleichen Motivthemas doch interessante Beobachtungen mitzunehmen. Dass ich das ganze völlig frei von Verkehrsmittelnutzung durchführen kann, ist auch mal nett. Vor allem aber kann man die Bildergebnisse nach und nach verändern und verbessern. Man lernt seine Pappenheimer kennen und trotz ihres doch unsteten Verhaltens kann man sich auf die Vögel zunehmend einstellen.

So mancher Naturfotograf macht sich im Zusammenhang mit dem Klimawandel Gedanken, inwiefern er seine Arbeitsweise anpassen kann, um glaubwürdig zu bleiben. Mein ausgesprochen klimaneutrales „Krähenprojekt“ hat mir gezeigt, dass man wohl viel mehr machen kann, als man im ersten Moment denkt. Und dass Verzicht nicht unbedingt Einschränkung bedeuten muss. Die Zukunft der Naturfotografie aber werden „zu-Fuß-Themen“ allein aber wohl nicht sein können. An Lösungen werden wir noch zu arbeiten haben.

Abflug zu den Schlafbäumen im Wald
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